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19-S

Erdbebenschaden

Wart ihr beim Erdbeben am 19. September schon hier? Nein? Na, seid froh!

Das ist der Satz, den wir am meisten zu hören bekommen, wenn das Gespräch auf das Erdbeben mi letzten Jahr kommt, bei dem 232 Menschen allein in der Stadt Mexiko gestorben sind. Zwei Wochen vorher hatte schon ein schweres Erdbeben (8.2 !) die Region Oaxaca erschüttert, 96 Personen starben.

Im Gegensatz zur Stadt Mexiko, wo es gut organisierte Anwohner*innengruppen gibt, die sich auch politisch Gehör verschaffen, hört man aus Oaxaca wenig zum Thema Wiederaufbau. Im Gegenteil, es geht ueberwiegend um Schulen, die noch NICHT wieder geöffnet, und Hausbesitzer*innen, die noch kein Geld für den Wiederaufbau bekommen haben.

Auch in Mexiko Stadt ist der grosse Teil des Geldes für den Wiederaufbau im wahrsten Sinne des Wortes versumpft. Nach dem Beben gab es eine Wiederaufbaukommission, deren Mitglieder Anfang des Jahres aufgrund der vielen Irregularitäten und des Gemauschels das Handtuch schmissen. Nur ein kleiner Teil der vorhergesehenen Gelder (ursprünglich 310 Mio) ist seitdem ausgezahlt worden, und das in keinster Weise geordnet, wie die Zeitung Proceso berichtet: Es wird keine Statistik erstellt, welche Haeuser es am nötigsten haben und wie umfangreich die Schäden sind, es wird einfach gezahlt.

Noch viel schlimmer ist, und das beobachte ich ja auch in meiner Nachbarschaft (ja: da wo wir wohnen ist alles auf Sand gebaut. Auf dem Grund des in den letzten 500 Jahren ausgetrockneten Sees. Immerhin hat unser Haus nur einen 1. Stock und eine Dachkammer): Mehrfamilienhäuser, die grosse Längsrisse in der Fassade haben, werden immer noch bewohnt. Ich meine, dafür braucht man eigentlich nur zwei Finger, um zusammenzuzählen, dass dies der Gesundheit nicht dienlich ist. Aber die Menschen wohnen dort sicher nicht nur freiwillig, sondern weil sie keinen anderen Ort haben, wo sie hinkönnen.

In dieser Region treten mit die meisten Erdbeben der Welt auf, wackeln tut es staendig. Selbst wir, die wir danach gekommen sind, haben im März schon ein Beben von 7,2 erlebt. Und selbst die Gebäude, die hergerichtet werden: ich als Architekturlaiin stehe davor, und das Haus ist eindeutig schief. Verzogen. Dann werden ein paar Fenster und der Putz erneuert, und alle ziehen wieder ein? Kann das etwas anderes sein als fahrlässig?

Wie Mexicanos contra la Corrupción in ihrer hervorragenden Recherche zu ausgewählten Gebäuden in der Stadt gezeigt haben: Die Leute sind trainiert. Alle wissen, wo die Ausgänge im Notfall sind, wie sie sich verhalten müssen, wo die Sammelpunkte sind. Es ist die Korruption, die tötet.

Erdbebenübungen
So sieht die Liste der Erdbebenübungen für dieses Schuljahr aus

Meine Kinder machen jeden Monat Erdbebenübung in der Schule. Da sind selbst die Kindergartenkinder Profis drin. Alle Eltern bekommen dann über Whatsapp eine Nachricht mit weißem Kreis: Alles in Ordnung! Beim Elternabend war das der Punkt, zu dem die Eltern die meisten Fragen hatten: Sind diese Regale an der Wand befestigt? Vom zweiten Stock aus kommt die Klasse nicht mehr in der vorgeschriebenen Minute auf die Strasse, wo hocken sie sich dann hin? Bitte nicht in die Mitte des Klassenraums, dort kommt statistisch das Dach als erstes runter. Wäre es nicht gut, einen zweiten Sammelpunkt auszumachen? Im Park, wo sich alle sammeln, hat es nach dem Erdbeben auf einmal nach Gas gerochen, und alle verlegten sich woanders hin. Die Eltern wussten danach nicht, wo sie ihre Kinder abholen konnten.

Und das ist natürlich nichts gegen die Menschen, die Angehörige und ihr Dach über dem Kopf verloren haben. Dazu kommt politische Taktlosigkeit. Die Behörden in Mexiko Stadt hatten zunächst vor, um Punkt 13.14 Uhr, der Zeit des Bebens, eine Erdbebenübung abzuhalten. Erst nachdem Opferverbände lautstark protestiert haben, gibt es nun zuerst eine Schweigeminute. Und dann die Erdbebenübung.

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