Anders als zu Hause Mexiko Stadt

Bestechen oder nicht bestechen?

Auto

Neulich musste ich mich zum ersten Mal fragen, ob ich zur weit verbreiteten Korruption in diesem Land beitrage oder nicht. Seufz. Um es kurz zu machen: ich habe es getan. Aber ich fühle mich schlecht dabei. Und ich frage mich, was ich hätte besser machen können.

Um von vorne anzufangen. Nach einer weihnachtlichen Reise nach Oaxaca, über die vielleicht noch zu erzählen sein wird, wollte ich das nunmehr durch eine dicke Dreckschicht getarnte Auto zur Feier des Tages in die Waschanlage bringen. Wenn möglich, zusätzlich eine Person zahlen, die es auch noch aussorgt und innen abledert, das hasse ich nämlich. Was soll ich sagen? Waschanlagen haben am 1. Januar in Mexiko Stadt geschlossen.

Umso aufmerksamer sind dafür die Verkehrspolizisten. Aber weniger, um die normale Verkehrsordnung aufrecht zu erhalten, als um ihr Gehalt aufzubessern. Weil es 1. Januar war und wir erfolglos auf dem Rückweg nach Hause waren (Gesamtlänge unseres Ausflugs an dem Tag: wahrscheinlich etwa 2,5 Kilometer), beschloss ich den Weg abzukürzen und an einer Stelle nach links abzubiegen, an der es eigentlich verboten war.

Die Straßen waren auch total frei, und ich habe mich noch gewundert, welcher Idiot mich an einem Feiertag durch Hupen daruf aufmerksam macht, dass die Linkskurve verboten ist. An der nächsten Ampel stellte sich heraus, wer es war.

Ein Polizeiauto hielt hinter mir und ein Polizist näherte sich meinem Fenster. „Sie sind eben falsch abgebogen“, belehrte er mich, und hielt mir gleichzeitig eine Art Straßenverkehrsordnung der Stadt Mexiko unter die Nase. Passenderweise waren die Stellen, auf die er mich aufmerksam machen wollte, schon gelb markiert.

Kleiner Exkurs: In Mexiko fahren üblicherweise auch Polizeiautos bei Rot über die Ampel, so viel zum Thema Einhaltung der Verkehrsregeln. Jedenfalls an normalen Tagen und nicht an denen, an denen sie etwas dazuverdienen wollen.

Ich gab mein Fehlverhalten unumwunden zu und fragte, was jetzt die Folge sei. „Ach, das ist kompliziert…“ Ich möge seinem Auto folgen, dann müssten wir zu einer Art Verkehrshof im Norden der Stadt fahren, wo mein Auto einbehalten wird, bis ich je zwei Kopien von Führerschein und Fahrzeugrechnung vorweisen kann sowie die Geldbuße von umberechnet 170 Euro zahle.

„Ok, dann müssen wir das wohl machen.“ Ich sah schon meinen schönen Feiertagsnachmittag dahinschmelzen. „Alternativ können Sie auch bei mir direkt zahlen.“ (Aha! So ist das also…) „Oh. So viel habe ich nicht dabei. Kriege ich denn dafür eine Quittung?“ „Nein, dann würden Ihnen ja Punkte angrechnet. Auf den Führerschein.“ „Ach.“

Ich blätterte mein Portemonnaie auf und meinte „also wirklich, ich habe nicht so viel dabei…“ Auftritt Simón, der neben mir auf dem Beifahrersitz saß: „Nein Mama, guck mal, in dieser Tasche von deinem Portemonnaie hast du noch viel mehr Geld!“ (auf spanisch! So dass es der Polizist auch versteht! Grrrrrrr!)

Ich erklärte noch einmal, wir könnten dann ja jetzt zum Verkehrshof fahren. Woraufhin der Polizist meinte, er habe jetzt schon seinen Kollegen informiert und ihm erklärt, ich sei auf dem Weg ins Krankenhaus, man könnte mich also vom Haken lassen… Geld?

Ich nahm schließlich rund 30 Euro und reichte sie ihm. Er hielt mir seine Verkehrsordnung hin, damit ich die Scheine zwischen die markierten Seiten stecken konnte, und zog von dannen. Wir auch. Nach Hause war es nur noch eine Minute.

Dafür fühlte sich die Bestechungszahlung richtig schlecht an. Wie ein schlechter One Night Stand, von dem man sich hinterher ständig fragt, warum er nötig gewesen ist, aber rückgängig kann man ihn auch nicht machen. Meine Freundin hat mich beschimpft. Unverschämtheit! Dieser Polizist! Sie wäre zum Verkehrshof mitgefahren und hätte ihn vor den dortigen Behörden des Versuchs der Korruption bezichtigt.

Richtig, dachte ich, auf diese Weise hätte ich ihn ja auch in der Hand gehabt. Auch wenn er alles abgestritten hätte. Mit nur ein bisschen mehr Geduld und/oder Naivität wären wir ihn losgeworden, denn selbstverständlich wollte der Typ selber nicht zum Verkehrshof im Norden der Stadt fahren (wenn er dort überhaupt ist). Alles was mir jetzt bleibt ist, mich nur noch schlechter zu fühlen, dass ich mitgemacht habe und damit das System der weitverbreiteten Korruption in Mexiko noch genährt habe. (Und, so viel Geld gezahlt zu haben! 10 Euro hätten es wahrscheinlich auch getan!) Auch wenn das eigentlich überhaupt nicht meine Schuld ist.

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