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Das Vorort-Paradies

Häuser in einer Gated Community

Kürzlich waren wir im Urlaub, eine kleine Vuelta durch das zentrale Hochland des Landes. Sehr empfehlenswert! Guanajuato ist eine wunderschöne alte Kolonialstadt, in der man viele Wege zu Fuß geht. Einst haben die Spanier hier sämtliche Silbervorräte gestohlen und nach Europa verschifft.

Die Grutas de Tolantongo, ein Thermalfluss inmitten von staubigen kakteenbewachsenen Bergen in Hidalgo, ist wirklich etwas Besonderes. Nicht eine Thermalquelle, nein, ein Thermalfluss! Über mehrere Kilometer lang ist das Wasser warm, immer wieder wird der Fluss von neuen heißen Quellen genährt. Es gibt eine Grotte, in der heißes Wasser als dicker Strahl aus vier Metern Höhe auf die Rücken der Besucher*innen sprudelt. Und was ich besonders schön fand, das Resort & Campingplatz werden von einer Kooperative aus dem Dorf nebenan betrieben, kommt also der Basisarbeit zugute und nicht irgendeinem Rieseninvestor. Dieses außergewöhnliche Flüsschen taucht noch nicht mal im Lonely Planet auf, sehr komisch. Bei uns wäre das die Attraktion schlechthin.

Die hellblaue Farbe des Flusses ist natürlich!
Die hellblaue Farbe des Flusses ist natürlich!

Jedenfalls, zwischen dem einen und dem anderen Ziel machten wir einen Zwischenstopp in San Miguel de Allende. Das ist ebenfalls ein wunderschönes koloniales Städtchen. Allerdings vor Jahren erst von US-amerikanischen Aussteiger*innen entdeckt, und heute ein Rentner*innenparadies. Erstaunlich viele Weiße, herausgeputzte Kolonialhäuser und Leute auf Quads unterwegs…

Um etwas zu entspannen, hatten wir für eine Nacht ein Haus mit Pool gemietet. Der Rest unserer Reisegesellschaft war sich nicht bewusst, wo sich dieses befinden sollte, aber es war von den Fotos her zu vermuten: in einer Gated Community, etwas außerhalb von San Miguel. Einer riesigen Gated Community! Nachdem wir durch das Haupttor gefahren waren, fuhren wir mit dem Auto noch gut drei Minuten eine geschwungene Straße hinunter, an noch einmal extra aufgeteilten „Nachbarschaften“ entlang: links hinter einer Mauer alle Häuser in weiß und schwarz, rechts alle Häuser in Rot/Gelb/Orange.

Um in „unsere“ Straße zu kommen, mußten wir ein weiteres bewachtes Tor passieren, drehten dann eine Runde und fuhren genau vor unserem Haus die Einfahrt hoch, bis direkt vor die Haustür. Es war wie im Film. Ein amerikanischer Vorstadt-Traum, nur in der mexikanischen Wüste, mit schön bewässertem Rasenstreifen neben der Straße und Golfplatz nebenan. Die rund 100 Häuser unserer Straße unterschieden sich nur durch die Farben. Ganz ähnlich wie ein neumodisches Town House, zwei kleine Räume breit auf drei Etagen übereinander. Davor die Autos, dahinter der Pool, umgeben von Kunstrasen. Oder auch in Worten des mittleren Sohnes: „Das ist das Paradies!“

Ich hoffe, sein Geschmack verbessert sich noch.

Immerhin, die Matratzen waren gut! Am Nachmittag teilten wir mit mexikanischen Familien und ihren Lautsprecherboxen den Pool (ich bin mir sicher, die reichen amerikanischen Rentner*innen möbeln sich lieber ein Kolonialhaus im Stadtzentrum auf als sich für 100.000 Dollar ein Retortenhaus in einer Schlafstadt zu kaufen, ohne ein einziges Geschäft und 15 Minuten mit dem Auto vom Zentrum entfernt). Am nächsten Tag benutzten alle außer mir fleißig die komplett neuen und so gut wie ungenutzten Geräte im allgemeinen Fitneßraum. Das heißt also, das Haus kostet vielleicht „nur“ 100.000, aber die laufenden Kosten pro Monat, Stichwort Sicherheit, Landschaftspflege etc., werden doch nicht ohne sein. Die Frage, die mir ständig durch den Kopf ging, war: „WER wohnt hier?“ Wer will freiwillig hier wohnen um Himmels willen?

Um es gleich zu sagen, mehrere der Häuser standen immer noch leer. Weil wir uns einen Topf leihen mussten, lernten wir die Nachbar*innen kennen, ein älteres mexikanisches Ehepaar, vermutlich Rentner*innen. Aber wer verbringt seine Rente freiwillig in einem Townhouse mit Autos davor und von Familien bevölkertem Pool dahinter? Soziologisch jedenfalls eine sehr interessante Erfahrung. Aber wir (Erwachsenen) waren froh, als wir am nächsten Tag wieder abgefahren sind.

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