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Don Winslow- Tage der Toten

Auf diesen Roman bin ich über eine Journalistin gekommen, die viele Jahre in Mexiko gelebt hat. Sie meinte, wenn ich etwas über die Struktur der Drogenkartelle wissen wolle, sei dieser Krimi (das Original erschien 2005) immer noch die beste Lektüre. Eigentlich bin ich kein Winslow-Fan. Seine Krimis sind mir zu brutal. Das ist dieses Buch über die mexikanischen Drogenkartelle auch, aber trotzdem hat es mich gepackt.

 

Hauptfigur des Romans ist der US-amerikanische Drogenfahnder Art Keller, ein Einzelgänger, der bei seiner mexikanisch-stämmigen Mutter im Barrio von San Diego aufgewachsen ist. Er kämpfte in Vietnam, bevor er zur Drogenbehörde DEA wechselt. Dort wird er schnell in Mexiko eingesetzt, doch im Laufe der Zeit erkennt er, dass im Drogenkrieg Gut und Böse nicht immer einfach zu unterscheiden sind.

Die mexikanische Politik am Gängelband der Drogenbarone

 

Der Roman zieht sich über einen Zeitraum von rund 20 Jahren und erzählt, wie Art in der Stadt Guadalajara Bekanntschaft mit dem Barrera-Clan macht. Auf brutale Art und Weise erlangt zunächst „Tío“, Onkel Ángel, die Macht über ein Kartell. Er wird zum „Patrón“. Über lange Jahre versucht ihm Art, das Handwerk zu legen. Doch wichtige Leute in der amerikanischen Drogenbehörde verfolgen ihre eigene Agenda, ganz zu schweigen von der mexikanischen Politik, die im Prinzip am Gängelband der Drogenbarone geht. Als ein amerikanischer Agent gefangen und gefoltert wird und seine Befreiung schief läuft, muss Art Mexiko für mehrere Jahre verlassen.

Die Drogenkartelle verfolgen ihre Politik immer brutaler, eng verwoben mit Mafiastrukturen in den USA. Und die Nachfrage nach billigem Heroin und Kokain lässt nicht nach, allen offiziellen Regierungsprogrammen gegen die Drogenanbauer zum Trotz. In Winslows Roman ist die Militärhilfe für die Drogenbekämpfung immer eng mit Antikommunismus und der Niederschlagung von aufständischen Bewegungen verbunden, eingehendstes Beispiel die Finanzierung der Contras gegen die nicaraguanischen Sandinisten während der Reagan-Administration.

Als Tíos Neffe Adán das Kartell übernimmt, verschärfen sich die Kämpfe mit den Rivalen um die Macht über das Geschäft mit den USA. Art Keller ist wieder in Mexiko, um endgültig Revanche zu nehmen an den Barreras. Sein Coup, um die Drogenbarone zu überlisten, ist ebenso listig wie riskant…

Die Hauptperson Art Keller ist nicht gerade eine, mit der man von vorneherein sympathisiert. Ein Einzelgänger, der keinen Wert auf Familie legt und viele vor den Kopf stößt. Wer kann einem Hoffnung geben in diesem Land, in dem alles verloren scheint? Die Prostituierte mit Gewissen? Der aufrechte Bischoff? Der einzige mexikanische Drogenfahnder, der nicht korrumpierbar ist? Sie alle stoßen immer wieder an Grenzen, die ihnen aufzeigen, wer am Ende das letzte Wort in Mexiko haben wird. Eine eindringliche Erzählung, die mich durch detailgenaues Wissen beeindruckt hat.

„Tage der Toten“, von Don Winslow. Suhrkamp Verlag.

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