Politik

Elf Überlebende sexueller Gewalt

Mutige Frauen, die sexuelle Folter überlebt haben

Mexiko ist ein schönes, ein wunderschönes Land. Leider auch eines der gewalttätigsten Länder der Welt gegenüber Frauen. Jeden Tag fallen sieben von ihnen einem Feminizid zum Opfer, das heißt, sie werden umgebracht, einfach nur weil sie Frauen sind. In meiner feministischen Nachrichtenagentur CIMAC ist Gewalt gegen Frauen nicht nur am 25. November ein Thema, sondern 365 Tage im Jahr.

Der Fall Atenco

Zum Tag gegen Gewalt gegen Frauen möchte ich auf elf Frauen aufmerksam machen, die sexuelle Folter durch den mexikanischen Staat überlebt haben. Seit elf Jahren ist niemand dafür bestraft worden, doch sie haben sich durch alle Instanzen gekämpft, obwohl sie deswegen ihre Geschichte wieder und wieder teilen mussten. Dies ist ein Teil der Aussage von Norma Aidé Jiménez Osorio. Sie kam am Abend des 3. Mai 2006 in das kleine Städtchen San Salvador Atenco, nahe der Hauptstadt, weil sie helfen wollte. In Atenco waren Proteste von Blumenhändlern durch ein massives Polizeiaufgebot (etwa 3000) blutig unterdrückt worden. Norma wollte das Geschehen mit ihrer Kamera dokumentieren, bis sie selbst in die Fänge der Polizisten geriet. Hier ein Teil der Aussage, die ich übersetzt habe.

„Als es dämmerte, hörten wir auf einmal Explosionen. Wir wussten nicht, was das war, aber auf einmal sahen wir, wie Tränengaspatronen auf uns zugeflogen kamen. Heute weiß ich, dass es Tränengaspatronen waren. Und dann kommt das Gas heraus. Die Leute rennen nach allen Seiten davon, angsterfüllt, sie wissen nicht, wo sie hin sollen. Wir können nicht atmen, wir sehen nichts. In diesem Durcheinander versuche ich, in Richtung Ortszentrum zu laufen. Ich spüre, wie mich jemand mit einem harten Gegenstand schlägt. Ich glaube, es ist ein Schlagstock. Sie schlagen mich auf den Rücken und auf den Kopf, ich falle auf den Boden. Während ich auf dem Boden bin, kann ich sehen, wie sich mir etwa zehn Polizisten nähern, in schwarzen Kampfausrüstungen, mit Schildern und Schlagstöcken. Sie fangen an, mich zu treten. Sie schlagen mich mit ihren Schildern auf den Rücken. Sie nehmen mir den Rucksack weg.

Ich schreie, dass ich da bin, um die Umstände zu dokumentieren. Sie lachen mich aus und schlagen mich weiter, mehrere Minuten lang.

Ich kann nicht genau sagen, wie lange. Danach fordern sie mich auf, aufzustehen, aber mein Körper ist wie gelähmt und ich kann nicht. Zu zweit schleifen sie mich zu mehreren Bussen hin. Auf dem Weg dorthin beginnen sie, mich anzufassen, ihre Hände unter mein T-Shirt zu stecken. Sie ziehen mir meinen Pullover über den Kopf. Sie fragen mich, was ich hier mache, sagen, dass ich zu Hause sein sollte, Geschirr abspülen. Nur deswegen passiere mir das hier. Ob mich jemand bezahlt hätte. Sie sagen, ich sei eine Hure und schlagen mich mit der Faust in den Bauch. Es dauert eine Weile, bis wir beim Bus ankommen. Durch das Gewebe meines Pullovers kann ich die Buchstaben “ASE” erkennen, Agencia de Seguridad Estatal (Polizeieinheit des Bundesstaates Mexico, d.Red). Das bedeutet für mich, dass ich einer anderen Einheit übergeben werde.

Sie haben eine andere Uniform an, und haben nicht die gleiche Ausrüstung. Ich werde einigen Polizistinnen übergeben, die mich dazu zwingen, in den Bus einzusteigen. Sie zwingen mich, mich auf dem Bauch in den Gang zu legen. Dort ist eine große Pfütze voller Blut, im Bus ist eine Frau, die blutet. Sie zwingen mich, mich in diese Pfütze zu legen. Anschließend laufen sie mehrfach über uns hinweg, auf unseren Körpern, mehrere von ihnen, ich weiss nicht mehr, wie oft. Und auf einmal fangen sie an, auf uns zu hüpfen, auf unserem Rücken, auf unseren Köpfen, ohne Mitleid. Sie hören, wie das Radio über Atenco berichtet und feiern. Sie sagen, “wir haben sie gefickt”, und sie feiern, als ob sie ein Fussballspiel gewonnen hätten.

Die ganze Zeit fragen uns die Polizistinnen, ob wir keine Kinder hätten, dass wir zu Hause sein sollten, um auf sie aufzupassen. Und dass sie es nicht wollten, aber gleich käme ihr Chef und würde uns vergewaltigen. Und er wäre der erste von vielen.

Ich kann nicht genau sagen, wie lange das gedauert hat. Aber auf einmal schreit jemand, dass wir übergeben werden sollen. Also zwingen sie uns, aufzustehen. Sie nehmen uns unsere Sachen weg, meine Kamera, meinen Rucksack, meine Jacke. Und sie übergeben uns an eine andere Polizeieinheit. Das erkenne ich daran, dass sie andere Uniformen tragen. Diese hier ist Camouflage, mit hohen schwarzen Stiefeln, das kann ich sehen. Einer packt mich am Rücken und zwingt mich dazu, auf einen Pickup zu steigen. Auf einmal höre ich, wie er auf die Karosserie schlägt und der Pickups fährt los. Sofort danach fängt er an, mich auf den Po zu schlagen, ein ums andere Mal. Er hört nicht auf, obwohl ich schreie, ihn bitte, aufzuhören. Ich kann den Schmerz nicht mehr ertragen und versuche, mich mit meinen Händen zu schützen. Er fängt an, meine Hände zu schlagen. Ich halte es nicht aus und muss sie herunternehmen. Da lacht er und fragt mich, ob es sehr weh tue. Ich antworte ihm nicht, und er fässt mit seiner Hand unter meine Kleidung, auch in meine Unterwäsche. Er drückt meinen Po, er kneift mich. Er fragt mich, ob ich das fühlen kann. Ich antworte ihm nicht. Mit seinen Fingern penetriert er meinen Anus und meine Scheide. Dann hält der Wagen an. Sie zwingen mich, abzusteigen.

Sie übergeben mich anderen Polizisten, die komplett in schwarz gekleidet sind. Sie wollen mich zwingen, in einen Bus einzusteigen. Als ich die Treppen hinaufgehe, sehe ich sehr viele Leute auf einem Haufen liegen. Ich kann nicht mehr weitergehen, aber sie schubsen mich und sagen, ich soll über die Leute drüber laufen. Ich bin unfähig, das zu tun. Dann, zuerst denke ich, zum Glück, ruft jemand ‚sie haben uns gesagt wir sollen den anderen Bus füllen. Bring sie zum anderen Bus.‘ Sie lassen mich dort einsteigen. Sie bringen mich in die letzte Reihe. Dann attackieren mich mehrere Polizisten gleichzeitig, ich glaube es waren sind als drei auf einmal. Sie ziehen mir die Hose herunter, werfen sich auf mich, fangen an mich zu begrapschen, fassen unter meine Kleidung, in meine Unterwäsche. Sie ziehen mir den Pullover so hoch, dass er nur meine Augen bedeckt.

Sie beißen meine Lippen. Penetrieren mit ihren Fingern meine Vagina. Sie wechseln sich dabei ab, und als sie fertig sind, laden sie andere von draußen ein.

Und dann machen sie es noch einmal, alle. (holt tief Luft)
Das dauerte, bis sie die Türen aufmachten und anfingen, sehr viele Leute in den Bus zu laden. Darunter waren auch Menschen, die bewusstlos waren, einer wurde sogar unter meine Beine gelegt. Und jemand anders auf meinen Rücken. Ich war mitten in einem Haufen Menschen. Und ich konnte hören, wie sie andere Frauen auf dieselbe Art folterten, wie sie es vorher mit mir getan hatten. Der Bus fährt, wir wissen nicht wohin, und die ganze Zeit fragen sie uns nach unseren Daten aus, sagen uns, sie werden uns töten, sie werden uns verschwinden lassen. Und vor allem sagen sie, dass unsere Familie uns nie wiederfinden wird. Die Fahrt dauert sehr, sehr lange, die Polizisten sitzen auf uns. Und immer wieder hauen sie uns mit ihren Schlagstöcken, egal wohin, als ob wir eine Masse wären.“

Norma wurde in ein Gefängnis gebracht. Sie durfte keinen Anwalt anrufen, sie wusste nicht, warum sie eingesperrt war, und sie wurde nicht medizinisch untersucht. Schließlich wurde ihr gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr vorgeworfen. Sie verbrachte ein Jahr im Gefängnis. Nach zwei Jahren wurde die Anklage fallen gelassen. Der Aufenthalt zerstörte den Familienzusammenhalt und fraß die Ersparnisse ihrer Mutter, einer Haushälterin auf. Ihr Vater redet nicht mehr mit ihnen. Er sagt, sie solle über diese Verbrechen nicht aussagen. Norma hörte auf zu studieren und hat seitdem immer wieder Gesundheitsprobleme.

Unmittelbar nach den Ereignissen, noch bevor irgendwelche Ermittlungen stattgefunden hatten, erklärte der Gouverneur des Bundesstaates Estado de México, ein gewisser Enrique Peña Nieto, die Frauen, die von Vergewaltigungen sprächen, seien Lügnerinnen. Das würde Aktivistinnen schließlich in einem Handbuch beigebracht, dass sie sofort von Vergewaltigung sprechen sollten.

Nur gegen eine Handvoll Polizisten wurde ermittelt, niemand musste wegen der Ereignisse ins Gefängnis. Die Frauen von Atenco kämpfen seit elf Jahren für Gerechtigkeit. Der interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte will sein Urteil 2018 bekannt geben.

 

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