Anders als zu Hause Mexiko Stadt

Gefahrenberichterstattung

Das CCH Oriente

An einem ganz normalen Mittwochmorgen, mitten in Mexiko Stadt, bin ich vor kurzem eine aussergewoehnliche Reise angetreten. Sie fuehrte mich zur Bushaltestelle wenige Schritte von unserem Buero entfernt, und dann mit einmal umsteigen in die Linie 2 des Metrobus, immer weiter nach Osten. Nach 45 Minuten fahren hatte sich an den Nachbarschaften um die Fahrtroute herum im Prinzip nicht viel geaendert. Dennoch schlug mir das Herz bis zum Hals. Denn relativ viele Leute hatten mich vor ausgerechnet dieser Nachbarschaft gewarnt.

Ende April ist im CCH Oriente, einem der Nationaluniversitaet UNAM zugeordneten Gymnasium, eine Schuelerin erschossen worden. Die 18-jaehrige Aideé Mendoza beendete zusammen mit anderen gerade ihre Matheklasse, als sie- angeblich- ueber Bauchschmerzen klagte und dann in sich zusammensackte. Es stellte sich heraus, dass sie von einer Kugel getroffen worden war, und zwar von schraeg oben, an der Seite ihres Torsos. Wenige Stunden spaeter starb sie im Krankenhaus. Aideé kam aus einer Nahua Familie, die extra vom Bundesstaat Puebla in die Hauptstadt gezogen war, damit die Kinder eine bessere Bildung bekommen.

Am Tag darauf ordnete meine Chefin an, dass ich dem Fall von nun an folgen sollte. Bei unserer Nachrichtenagentur Cimac koennen wir natuerlicherweise nicht allen Fallen von Gewalt gegen Frauen nachgehen, aber einigen emblematischen schon, und zwar dauerhaft. Der Fall von Aideé war von Anfang an merkwuerdig. War es jemand aus dem Klassenraum gewesen? Die Tuer des Raums stand zwar offen, aber ein Fenster war durch den Schuss nicht kaputt gegangen. Wie konnte das passieren- auf dem Schulgelaende? Wer haette ein Motiv? Niemandem war auch nur irgendetwas ueber Konflikte, in die Aideé verwickelt war, bekannt…

Die Generalstaatsanwaeltin der Stadt, die gerade erst von der neuen, progressiven Regierung eingesetzt wurde, kuendigte an, dass der Mord mit aller Sorgfalt untersucht werde. Auch die Protokolle ueber Feminizid und Delikte gegenueber Indígenas wuerden in Gang gesetzt. Dennoch deutet einiges darauf hin, dass der Ganze Fall mit der gleichen Achtlosigkeit, Vertuschung und Unterlassung endet wie die meisten auch unter den Vorgaengerregierungen. Zunaechst wurden Details aus der Ermittlung an die Medien gesteckt. Die Untersuchungen von Schmauchspuren haetten ergeben, dass es niemand aus dem Klassenraum war. Dann gab die Generalstaatsanwaeltin zu, dass die Kugel 9 Milimeter war, ein Kaliber, das nur von der Armee und der Polizei benutzt wird. Gab es einen Zusammenhang zum Gelaende der Marine, direkt neben der Schule?

Schuelerinnen erhoben schwere Vorwuerfe gegen den Direktor des CCH Oriente, einer Schule mit Tausenden Schueler*innen in einem benachteiligten Teil der Stadt. Zwei Faelle von Feminizid an Schuelerinnen hat es dieses Schuljahr schon gegeben. Beide Male haette er sich nicht zustaendig erklart- die Morde seien ja nicht auf dem Gelaende passiert. Nun passiert ein Mord auf dem Gelaende, und die Schule wird erst zwei Stunden spaeter evakuiert? Es gibt keine psychologische Betreuung, noch nicht einmal Versammlungen und eine offizielle Veranstaltung zum Geschehenen? Und: hat Aideé ueberhaupt rechtzeitig medizinische Betreuung erhalten? All das ist ungeklaert.

Opfer werden im Stich gelassen

Zudem frage ich mich, wieso die Staatsanwaltschaft nach fast 6 Wochen immer noch nicht die Ergebnisse der balistischen Untersuchungen und der Sachverstaendigen veroeffentlicht. Aus welcher Entfernung und Richtung kam der Schuss? Das muss doch wohl relativ einfach zu ermitteln sein, sagt mein Tatort-Wissen. Und wenn sie es nicht veroeffentlichen, was haben sie dann zu verschleiern?

Unser Fokus ist eigentlich die Familie. Was macht das mit der Familie, wenn sie zwar mit warmen Worten, aber null Taten abgespeist werden? Welche Nachricht sendet das an die Gesellschaft? Ich denke mir: noch nicht einmal bei einem Toetungsdelikt, bei dem die Taeter keine grossen Fische sein koennen, und sei es eine “bala perdida”, eine verlorene Kugel, koennen die hier schluessig aufklaeren. Es ist wirklich unfassbar.

Aber zurueck zum Anfang. Warum ich so eine Angst hatte, zum CCH nach Iztapalapa zu fahren. “Está feo ahí”, ziemlich haesslich dort, meinte meine Kollegin, und diese mexikanische Untertreibung sollte man zum Anlass fuer Sorge nehmen. Schusswaffengebrauch ist in der Gegend keine Seltenheit, Raub, Entfuehrung auch nicht. Ich muss nicht jeden Tag dorthin, wie die armen Schueler*innen, aber trotzdem bin ich als weisse, grossgewachsene Frau als leichtes Opfer zu erkennen. Ich habe mich jedenfalls mehr als einmal unauffaellig umgeschaut auf dem Weg zur Schule. Wenige Tage spaeter erzaehlte mir die Tante von Aideé, dass es besser sei, die Fussgaengerbruecke vor dem Haupteingang nicht zu benutzen. Da werde man sofort abgegriffen. Das sei ihrem Bruder und seiner Frau, den Eltern von Aideé, bei ihrem Gespraech in der Schule so erklaert worden.

Das Problem hier in Mexiko sind die roten Linien. Die unsichtbaren roten Linien, von denen wir nicht wissen, wann wir sie uebertreten und wann es fuer uns gefaehrlich wird. Die Fussgaengerbruecke habe ich aus reinem Zufall nicht benutzt! Und das braucht man aus deutscher Perspektive auch nicht als Uebertreibung abtun- die Zahlen sprechen fuer sich. An welchem deutschen Gymnasium sind innerhalb eines Schuljahres drei Schuelerinnen ermordet worden (eine auf dem Weg nach Hause), und welche Eltern wuerden dann noch ihre Kinder dorthin schicken? Das wundert mich sowieso, dass die Eltern des CCH dem Direktor nicht die Hoelle heiss machen. Zumal er durch Falschinformation und Aussitzen versucht, den Fall vorueberziehen zu lassen.

Auf meiner Busreise von 45 Minuten hatte ich jedenfalls genug Gelegenheit, alle moeglichen Alternativen fuer mein Ableben durchzugehen. Wer wuerde ueberhaupt wen benachrichtigen, wenn mir etwas passiert? Wie erfahren die Kinder und die Babysitterin davon? Und was passiert dann? Wenn ich im Krankenhaus liege, wer kuemmert sich um sie? Kommt dann jemand (wer?) aus Deutschland, loest den Haushalt auf nimmt sie mit? Und wo werden sie dann aufwachsen? Ich werde sie nicht aufwachsen sehen- waaaaaa… Wirklich, das Leben hier in Mexiko fuehrt einem taeglich vor Augen, wie schnell es vorbei sein kann. Aber als Alleinerziehende potenzieren sich die Sorgen noch einmal, schliesslich gibt es keine guten Haende, in denen ich die drei sicher weiss, wenn ich nicht mehr da bin. Das schnuert meinen Brustkorb zu, das paralysiert mich. Ich habe es ja trotzdem gemacht, aber haeufiger und auf die Dauer wird das psychologisch wirklich schwierig.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass über Whatsapp-Gruppen Vermisstenmeldungen von Nichten, Nachbarn, oder hier der Ballettlehrerin eines Kindes verschickt werden

Meine Angst vor der Fahrt in marginalisisierte Nachbarschaften hat sich nicht erledigt, aber immerhin troestet mich ein wenig der Umgang mit Aideés Schulkameradinnen und Tante. Ich bin ja nicht gerade eine Polizeireporterin und fuehle mich unwohl, Menschen, die gerade jemanden verloren haben zu kontaktieren. Aber es fuehlt sich gut an, eine Konstante fuer sie zu sein und das Interesse zu zeigen, dass sie von Behoerden nicht erfahren. Zumal die Berichterstattung auch ein wichtiges Instrument ist, um Gerechtigkeit zu verlangen. Fuehlt sich gut an, auf der richtigen Seite zu sein.

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