Anders als zu Hause Frauen

Gewalt gegen Frauen (1): Armenien

Gedenkwand

Zum internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen habe ich mich mal wieder mit meinen geschätzten Kolleg*innen von Brot für die Welt zusammen getan, um eine Serie zu machen. Natürlich würde Mexiko alleine zu diesem Thema schon ein Buch füllen, aber es ist doch immer wieder erstaunlich zu sehen, auf wie vielen Ebenen Gewalt gegen Frauen existiert, und wie weltweit verbreitet sie ist. Hier also der erste Teil: Armenien, von Melanie Krebs.

Fehlende Mädchen

 

Wenn von Abtreibung weiblicher Föten die Rede ist, berichtet die deutsche Presse bevorzugt aus Indien und China. Die absoluten Zahlen aus diesen beiden bevölkerungsreichen Ländern sind unbestreitbar erschreckend. Dass die kleinen Länder des Südkaukasus, vor allem Armenien und Aserbaidschan, seit Jahren in Prozenten ebenfalls ganz weit oben in der weltweiten Statistik fehlender Mädchen auftauchen, schafft es dagegen selten bis nie in die mediale Aufmerksamkeit. Dabei ist es auch hier nicht zu übersehen: Seit Armenien und Aserbaidschan 1991 von der Sowjetunion unabhängig wurden, werden jährlich deutlich mehr Jungen als Mädchen geboren. Ultraschalluntersuchungen erlauben verhältnismäßig preisgünstige Geschlechtsbestimmungen von Ungeborenen und viele Eltern entscheiden sich für eine Abtreibung, wenn ihnen ein Mädchen angekündigt wird. Vor allem, wenn sie bereits eine Tochter haben. Trotz der Beschwörungen, wie wichtig viele Kinder für die Familien im Südkaukasus sind, ist die Geburtenrate gering (1,6 Kinder pro Frau in Armenien, 1,9 in Aserbaidschan). Die meisten Paare planen maximal zwei Kinder, von denen eins mindestens ein Junge sein muss.

Die Chancen, als drittes Mädchen einer Familie geboren zu werden, sind in Armenien wie Aserbaidschan gleichermaßen schlecht.

In nüchternen Zahlen sieht das so aus: Normalerweise werden auf 100 Mädchen immer etwas mehr Jungen geboren, je nach Statistiken 105 oder 106. Im Jahr 2017 kamen in China auf 100 neugeborene Mädchen 115 Jungen. In Armenien und Aserbaidschan waren es 100 Mädchen auf 113 Jungen, erst dann folgt Indien in der weltweiten negativen Statistik mit 111 Jungen auf 100 Mädchen (alles nach Angaben der Weltbank, da mein geschätztes CIA-Factbook diese Statistiken offensichtlich gestrichen hat). Georgien, das Anfang der 2010er Jahre auch bedenkliche Zahlen zeigte, ist mit 100:108 zwar immer noch weltweit auffällig, aber doch weit entfernt von den Zahlen der beiden Nachbarländer.

Die häufig sehr späten Abtreibungen bewegen sich in einer legalen und moralischen Grauzone. In Armenien wie Aserbaidschan sind in sowjetischer Tradition Abtreibungen bis zur 12. Woche erlaubt und trotz inzwischen zumindest in den Städten gutem Zugang zu Verhütungsmitteln sind bei vielen Menschen Abtreibungen immer noch als ein notwendiges Übel zur Familienplanung akzeptiert. In Armenien endeten in 2014 fast 22% aller Schwangerschaften in einer Abtreibung. Von der 16. bis 28. Woche – also dann, wenn die Geschlechtsbestimmung per Ultraschall sicher möglich ist – müssen soziale oder medizinische Gründe vorliegen.

Noch vor ein paar Jahren war „Es ist ein Mädchen“ als sozialer Grund für viele Ärzte ausreichend.

Das ist seit 2016 nun zumindest in Armenien verboten. Wie viele Ärzte sich daranhalten, ist die eine Frage. Was das Abdrängen von Abtreibungen in die Illegalität mit den betroffenen Frauen macht, die andere, mindestens ebenso wichtige. Schon jetzt sind medizinisch unsichere Abtreibungen vor allem in ländlichen Gegenden maßgeblich für die immer noch recht hohe Müttersterblichkeit verantwortlich. Aber medizinische und psychologische Folgen werden nach wie vor ausgeblendet. Was die späten und wiederholten Abtreibungen ursprünglich geplanter und gewollter Kinder mit den Frauen – und bisweilen auch den Männern – machen, wird nur sehr langsam erforscht. Psychologinnen berichten zwar von Depressionen, Zwangsgedanken bis hin zu post-traumatischen Belastungsstörungen, von Ehen, die unter dem Druck, unbedingt einen Sohn zu bekommen und dafür regelmäßige Abtreibungen in Kauf zu nehmen, zerbrechen, aber wie eine Psychologin resigniert sagt „Wenn Frauen viel weinen, apathisch werden oder Panikattacken haben, sagt man hier: So sind Frauen halt. Da fragt niemand, warum.“

Die üblichen Erklärungsmuster bei Gewalt gegen Frauen wie Religion, Traditionen, die Tatsache, dass Frauen aus der Familie herausheiraten und Söhne (oder realistischer: Schwiegertöchter) für die alten Eltern da sind, eine Militarisierung der Gesellschaft, in der (künftige) Soldaten bevorzugt werden, werden zwar auch hier angeführt, überzeugen aber beim näheren Hinsehen nicht. Es gibt genügend Länder mit vergleichbaren Mustern, auch in der unmittelbaren geographischen Nachbarschaft, in denen das Geschlechterverhältnis bei Geburt weitgehend normal ist. Armenier sind (häufig sehr überzeugte) Christen, Aserbaidschaner (häufig eher desinteressierte) Muslime, beide Religionen sind nicht für ihre Frauenfreundlichkeit bekannt, aber:

Kein anderes islamisches oder christliches Land hat ein ähnliches Problem.

Auch die zentralasiatischen Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion sind von patriarchalischen Familienstrukturen geprägt und der ökonomische Druck hat auch dort die Geburtenrate pro Frau erheblich sinken lassen, aber trotz Ultraschall und ebenfalls leicht zu Abtreibung lässt sich hier keine ungewöhnliche Veränderung der Geburtenrate von Jungen und Mädchen feststellen. Im Nordkaukasus, wo verschiedene nationalistisch und religiös motivierte Gruppen kämpferischen Nachwuchs brauchen, hat sich der Wunsch nach immer mehr Soldaten bisher noch nicht in einer Verschiebung des Verhältnisses zwischen neugeborenen Jungen und Mädchen niedergeschlagen. Im südlichen angrenzenden Iran, zu dem enge Beziehungen bestehen, werden Söhne häufig ebenfalls gegenüber Töchtern bevorzugt, aber nicht mehr Jungen geboren als Mädchen.

Eine Ahnung, wie stark die Abwertung von Frauen ist, geben gerade die Kampagnen zur Verhinderung der Abtreibung wegen des Geschlechts. Ja, die gibt es zumindest in Armenien (in Aserbaidschan wohl auch, aber da habe ich weniger Informationen). Das Problem ist bekannt. Und im Gegenteil zu anderen als un-armenische betrachteten modernen Auswüchsen wie Homosexualität, häusliche Gewalt und Vergewaltigung wird es auch nicht geleugnet. Aber genau das, was als Argumente gegen die Abtreibung von weiblichen Föten angeführt wird, zeigt, warum es so ein Problem ist:

Die komplette Ausrichtung der armenischen Gesellschaft auf den Mann und die Reduzierung der Frau auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter.

Da fragen Politiker, Journalisten, Kirchen- und NGOvertreter besorgt, wen die vielen Jungen wohl eines Tages heiraten werden, da sieht man aufgrund der fehlenden Heiratspartnerinnen einen Anstieg der Schwulen und ein damit verbundenes Aussterben der Armenier und überhaupt „fehlen tausende künftiger Mütter“. Achtung von Mädchen und Frauen um ihrer selbst willen? Fehlanzeige. „Wenn es denn wirkt…“ sagt eine Kollegin etwas hilflos.
Das Problem ist: Es hilft nicht. Trotz mancher rührseliger Geschichten von Frauen, die sich später beim Dorfpriester bedanken, dass er sie überzeugt habe, das dritte Mädchen doch trotz Angst vor der sozialen Ablehnung zu bekommen, bleiben die Zahlen doch unverändert. Oder wie es die oben zitierte Psychologin zusammenfasste: „Wir können Kampagnen machen so viel wir wollen. Wir können noch mehr Frauen umbringen, indem wir Abtreibungen komplett verbieten – es wird nichts ändern. Was wir ändern müssen, ist unsere Kultur.“

1 Kommentar zu “Gewalt gegen Frauen (1): Armenien

  1. Seit 2007 hat der mexikanische Staat Ma?nahmen ergriffen, zumindest vordergrundig: Er hat ein neues Gesetz verkundet und die nationale Kommission zur Pravention und Beseitigung von Gewalt gegen Frauen ins Leben gerufen. Fur die Sozialwissenschaftlerin Lucia Melgar vom Autonomen Technischen Institut Mexikos „tauscht die Regierung jedoch nur Aktivitat vor, das Problem wird nicht gelost“.

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