Anders als zu Hause Frauen

Gewalt gegen Frauen (2): Tansania

Gedenkwand

Zum internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen habe ich mich mal wieder mit meinen geschätzten Kolleg*innen von Brot für die Welt zusammen getan, um eine Serie zu machen. Im ersten Teil haben wir erfahren, wie unerwünscht weibliche Nachkommen in Armenien sind. Nun kommt der zweite Teil, über das harte Leben der Frauen in Tansania von Katja Zink:

“Ja, klar!” habe ich mir gedacht, als ich in der Vorbereitung für unseren Aufenthalt über “Frauen in Tansania” gelesen habe. Frauen gelten in Tansania als “die Stütze der Gesellschaft”. Das bedeutet hier so viel, dass sie täglich bis zu 4 Stunden mehr arbeiten als tansanische Männer. Sie kümmern sich um Haushalt, Landwirtschaft und um die Versorgung der Kinder. Mehrere Stunden Fußmarsch, um Feuerholz zu sammeln oder den täglichen Wasserbedarf zu sichern, sind keine Seltenheit. Im Human Development Index der UN steht, dass 42% aller Frauen in Tansania, die älter als 15 Jahre sind, körperliche oder sexuelle Gewalt in ihrem Leben erfahren. “Klar!”, dachte ich also. Zahlen, die mich erschrecken, Zahlen die mich wütend machen.
Und dann kam der Tag, an dem ich Joyce kennenlernte. Joyce ist Ende 40, verheiratet und gehört zur Gruppe der Massai. In einem unserer Seminare von meiner Partnerorganisation hier, habe ich sie getroffen. Joyce fragte mich am Abend, ob sie mir ihre Geschichte erzählen könne. Ihr war in einer gemeinsamen Workshop-Übung am Vormittag, etwas Wichtiges über ihr Leben klar geworden und das wollte sie gerne teilen.

Joice
Joice

So besucht sie mich am Abend in meinem Hotelzimmer und wundert sich zuerst einmal über meine elektrische Zahnbürste. Auch nachdem ich ihr die Funktion demonstriert hatte, blieb ihr Blick skeptisch.
Doch dann begann sie über sich zu erzählen: Joyce ist in einem kleinen Massai-Dorf (sogenannte Boma) aufgewachsen. Mit 9 Jahren besucht sie die Schule. Mit 12 will der Vater sie wieder von der Schule nehmen. Ein Freund hatte ihm das Angebot gemacht, dass er die sogenannte “schwarzköpfige Kuh” in seinem Haushalt ehelichen könne. Nicht unüblich in einem Land, in dem 31% aller Mädchen unter 18 Jahren (gem. HDI, UNPD) verheiratet werden. Joyce hat jedoch das Glück, dass ihre Lehrerin sie bei sich aufnahm und sie so weiter zur Schule gehen konnte. Das bedeutete allerdings einen Bruch mit den Traditionen der Bomas und der Familie.

Rechtslage: Früh- oder Zwangsheirat
Die Rechtslage ist in Tansania unklar: Das Gesetz zu Sexualverbrechen definiert Kinder unter 16 als minderjährig. Das Kindergesetz (2009) stellt alle unter 18 Jahren unter seinen Schutz. Das Ehegesetz von 1971 erlaubt jedoch Mädchen ab 15 Jahren mit Zustimmung der Eltern zu heiraten, mit Erlaubnis eines Gerichts sogar ab 14 Jahren. Es widerspricht damit mehreren panafrikanischen und UN-Abkommen, denen Tansania beigetreten ist. Das Gesetz zu Lokalen Gebräuchen von 1963 erlaubt jeder ethnischen Gruppe, ihren Gebräuchen zu folgen. Auf Sansibar ist es zwar untersagt, Minderjährige zur Heirat zu zwingen. Allerdings bestimmt das Gesetz von 1982 eine lächerliche Geldbuße von Tansanischen Shilling 3.500 (€ 1,50) und ist damit völlig wirkungslos. Vielfach wird gefordert, die einschlägigen Gesetze zu revidieren und internationalen Normen anzupassen.

Der Vater von Joyce ist mehrfach verheiratet. Wenn Joyce die Mutter besucht, fehlt dieser häufig das Lebensnotwendigste. Mit etwa 7 Jahren bittet Joyce die Erstfrau des Vaters um Hilfe, da sie und die Mutter seit 3 Tagen nichts mehr gegessen hatten. Die Erstfrau hält ihr eine Schale Milch vor das Gesicht und schüttet diese vor den Hunden aus. Sie sagt zu Joyce, dass sie sich dort satt trinken kann und lacht ihr ins Gesicht.
Joyce beendet die Schule und ist heute Leiterin einer NGO, die sich um Frauenrechte kümmert. Mit 20 Jahren heiratet sie, sicher auch weil die Gesellschaft, in der sie lebt, sich keine andere Rolle für eine Frau vorstellen kann. Ihre Schwiegermutter verhält sich ähnlich wie die Erstfrau ihres Vaters. Joyce bemüht sich um Anerkennung, bringt der Schwiegermutter der Tradition folgend, hochwertige Geschenke von Reisen mit, für die sie mühsam das Geld zusammenspart. Die Schwiegermutter wirft diese in den Müll und erzählt in der Boma, dass sie von ihrer Schwiegertochter vernachlässigt wird.
Mit euch teile ich heute diese Geschichte, da mir Joyce an diesem gemeinsamen Abend erzählt hat, dass sie sich freimachen will von dem Ballast, den sie seit Jahren mit sich trägt. Sie will sich nicht mehr klein machen lassen. Und sie erzählte mir etwa 3 Stunden einfach alles was sie belastet, was sie bisher hinderte an der Veränderung und die neuen Handlungsschritte, die sie sich an diesem Tag klar gemacht hatte. Und ich bin ergriffen, traurig, glücklich und dankbar zugleich für ihre Geschichte, die sie mir anvertraute. Und auf einmal haben die ganzen Zahlen und anonymen Berichte über Gewalt gegen Frauen ein reales Gesicht für mich. Joyce steht für mich für alle Frauen, hier in Tansania und in Ostafrika, die auf irgendeine Art und Weise Gewalt erfahren haben.
Frauen wie Joyce, etwa 7,9 Millionen (d.h. 15% der Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren), leben in Tansania übrigens mit den Folgen der Genitalverstümmelung (gem. UNICEF Data).

Genitalverstümmelung
Die Verstümmelung der weiblichen Genitalien (Female Genital Mutilation – FGM) wurde in traditionellen Gesellschaften als Initiation in das Leben als erwachsene Frau und die Werte des Volkes begangen. Heute gilt sie offiziell als Erniedrigung von Mädchen und Frauen mit schwerwiegenden gesundheitlichen und seelischen Beeinträchtigungen, häufigen Todesfällen, sowie deutlich erhöhter Sterblichkeit von Müttern und Neugeborenen. In Tansania ist die genitale Verstümmelung seit 1998 gesetzlich verboten und wird mit fünf Jahren Gefängnis bestraft. Da das Verbot in Tansania weniger konsequent durchgesetzt wird als in Kenia, lassen sogar kenianische Mütter und Tanten ihre Mädchen in Tansania „beschneiden“.

Auch die männlichen Massai werden übrigens im Kindesalter beschnitten und als besonderen Ausdruck von Männlichkeit werden ihnen die unteren Schneidezähne ausgeschlagen und je nach Gruppenzugehörigkeit Narben ins Gesicht geritzt. Mbayani, den ihr auf dem Bild seht, leidet bis heute psychisch unter diesen Vernarbungen und dem Verlust seiner Zähne. Ich habe ihn gefragt, ob sein kleiner Sohn (3 Monate) diese auch bekommen wird und er hat nur entsetzt den Kopf geschüttelt. Ich glaube es ist wichtig nicht zu vergessen, dass auch Männer von verschiedenen Formen von Gewalt betroffen sind.

Mbayani
Mbayani

Aber nun wieder zurück zu uns Frauen: Ich drehe jedes Mal fast durch, wenn ich auf Swahili sagen muss, dass ich “geheiratet wurde”. Nur der Mann darf aktiv “heiraten” und so wird das traditionelle Rollenbild auch täglich sehr deutlich in der Sprache transportiert.
Die aktuellen Entwicklungen im Bereich Minderjährigen Schwangerschaften sind in Tansania übrigens erschreckend. Nach Angaben der UNDP hat Tansania mit 123 auf 1000 Geburten weltweit die höchste Fruchtbarkeitsrate bei Heranwachsenden (15 bis 19 Jahre). Die Mädchen werden nach Bekanntwerden der Schwangerschaft von jedem weiteren Schulbesuch sofort ausgeschlossen. Präsident Magufuli hat in den letzten Wochen eine amerikanische Werbekampagne für Verhütungsmittel verboten. Er begründet seine Initiative damit, dass Tansania eine wachsende Bevölkerung benötigt. Jeder der weniger als 5 Kinder hat (durchschnittliche Geburtenrate pro Frau), wurde vom Präsidenten als faul bezeichnet. Wie die Familien diese Kinder ernähren sollen, Schulgeld und Gesundheitsvorsorge zahlen sollen, das hat er allerdings vorsichtshalber mal offen gelassen.

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