Frauen Politik

Gewalt gegen Frauen (3) DR Kongo

Vor Weihnachten noch ein bisschen leicht verdauliche Lesekost, dachte ich mir… Scherz. Hier kommt der dritte Teil der Reihe zu Gewalt gegen Frauen, diesmal mit einem Beitrag von Claire und Audace aus der Demokratischen Republik Kongo. Ich durfte im Mai einem Vortrag der Frauenrechtlerin Caddy Adzuba aus DR Kongo zuhören, und die Geschichten, die sie erzählte, waren wirklich schlimm. Hoffnungsvoll allerdings, wenn es solche Leute wie Caddy gibt, oder auch den Frauenarzt und Friedensnobelpreisträger dieses Jahres, Denis Mukwege, die dagegen ankämpfen.

Sexualisierte Gewalt gegen Frauen im Kongo- Die Ursprünge

Die Demokratische Republik Kongo ist seit mehr als zwei Jahrzehnten einer Reihe von gewaltsamen Konflikten, insbesondere im östlichen Teil des Landes, ausgesetzt. Zu diesen Kriegen kommen mehreren inter- bzw. intra-ethnische Konflikte in fast 80% der Provinzen des Landes, wie Haut-Katanga, Tanganyika, Haut-Lomami, Kasai, Lualaba usw. Diese Kriege und Konflikte führen zu einer unschätzbaren Anzahl von Frauen, die Opfer sexueller Gewalt sind. Während der Prozentsatz der Opfer von sexueller Gewalt in Konfliktgebieten nach wie vor sehr hoch ist, muss auch darauf hingewiesen werden, dass in den Städten immer mehr Fälle von Vergewaltigung erfasst werden, von denen einige Opfer Minderjährige sind, manchmal Mädchen zwischen 6 und 12 Jahre alt.

Wenn wir die Natur der anhaltenden Übergriffe auf Mädchen und Frauen sehen, können wir daraus schließen, dass die Täter nicht durch ihre sexuellen Wünsche motiviert sind, sondern durch den festen Willen, die Opfer physisch und psychisch zu vernichten. Dies wird durch Tatsachen veranschaulicht, wie: Einführen eines Holzstücks oder anderer Gegenstände in die Vagina der Frau, nachdem sie bereits vergewaltigt wurde. Dieses Vorgehen ist insbesondere in Konfliktregionen zu beobachten.

Hauptakteure

Es ist richtig, dass das Profil der mutmaßlichen Täter je nach Landeszone unterschiedlich ist. Aber im Allgemeinen gehören die mutmaßlichen Täter jedoch zu den vier Hauptkategorien, deren Epizentrum aus Milizionären und/oder Mitgliedern bewaffneter Gruppen besteht.

Dazu gehören:

  • Mitglieder ausländischer und lokaler bewaffneter Gruppen (Rebellenbewegung);
  • Miliz (aus Rückfall von inter-ethnischen gemeinschaftlichen Konflikte)
  • Mitglieder der loyalen Streitkräfte (kongolesische Streitkräfte- das Militär und Polizisten)
  • Zivilbevölkerung

Gemäß den Ergebnissen mehrerer Felduntersuchungen breitete sich die Praxis der Vergewaltigung auf das gesamte kongolesische Gebiet aus. Diese Annahme wird durch eine Studie des Ministeriums für Gender, Familie und bestätigt, wonach 48% der in den letzten zwei Jahren begangenen Vergewaltigungen von Zivilisten, 8% durch Militär oder Polizei und 44% durch Milizen begangen wurden. Diese Gewalt zwischen Zivilisten zeigt einen Bruch der moralischen Werte der kongolesischen Gesellschaft seit 1994. Für Kinder, die nach dem Völkermord in Ruanda im Osten des Landes geboren wurden, ist Vergewaltigung ein wesentlicher Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens. Die Zunahme von Vergewaltigungen unter den Bürgern ist zweifellos eine der tragischsten Folgen des Rückbaus der kongolesischen Gesellschaft.

Die kongolesischen Konflikte sind verschiedenster Natur:

  • Konflikte wegen Konkurrenz um die natürlichen Ressourcen, wobei ausländischen Firmen und Multinationale wegen seltener oder strategischer Rohstoffe, korrupte Elite hofieren oder selbst Konflikten schüren, um den Zugang zu diesen Gebieten und Rohstoffen zu sichern
  • Konflikte im Zusammenhang mit dem politischen System (schlechte Regierungsführung, allgemeine Korruption, soziale Ungleichheiten und schlechte Verteilung des Wohlstands des Landes)
  • inter-ethnischen Konflikte (Bantus gegen Pygmäen)
  • Interkultureller Konflikte.

Die wirklichen Ursachen der Konflikte:

  • Armut
  • Arbeitslosigkeit
  • Soziale Diskriminierung

Sexuelle Straftaten zerstören nicht nur den Körper der Frauen sondern auch soziale Normen und entmenschlichen sowohl die Opfer als auch die Menschen um sie herum. Eine vergewaltigte Frau wird oft von ihrem Ehemann und ihrer Familie abgelehnt. Es ist daher unwahrscheinlich, dass sie wieder in ihre örtliche Gemeinschaft integriert wird und sie läuft Gefahr, am Rande der Gesellschaft zu leben. Dieses Stigma ist sehr schwer zu lösen. Es gibt viele Gründe, vergewaltigte Frauen abzulehnen: Scham, Unehre, Schuldgefühle, sozialer Druck, Hygiene für den Rest der Familie oder Angst vor Krankheiten. Die Angst vor sexuell übertragbaren Krankheiten wie AIDS ist groß, weil die Bevölkerung über das Thema schlecht informiert ist. Einige Täter nutzen bewusst Vergewaltigung als Mittel zur Destruktion der traditionellen Gesellschaft, vor allem im Ost-Kongo. Sehr oft werden die Scheidewände der Opfer durch das Einführen scharfer Gegenstände in ihre Geschlechtsorgane zerrissen, oder die Angreifer feuern einen Pistolenschuss in die Vagina ab. In einigen Fällen müssen die Ärzte nicht nur das Fortpflanzungssystem zu rekonstruieren versuchen, sondern auch die Blase und den After des Opfers. In anderen Fällen führt die Kraft der Vergewaltigung zu einer Fistel, einer Perforation zwischen den analen und vaginalen Wänden der Frau, die zu Harn- und Anal-Inkontinenz führt. Schließlich sind Kinder, die aus Vergewaltigung geboren wurden, auch ein destabilisierender Faktor der traditionellen Gesellschaft. Erstens für Mütter, die mit der ständigen Erinnerung an die erlebte Aggression leben müssen und sich darum bemühen, eine stabile Beziehung zu dem aus der Vergewaltigung geborenen Kind aufzubauen. Zweitens ist es für diese Kinder schwierig, einen Platz in ihrer Gemeinschaft zu finden. Einige Kinder werden im Wald von Sex-Sklavinnen geboren, sie haben keinen zivilen Status und können keine schulische Ausbildung bekommen. Sie werden „Schlangenkindern“ genannt und werden nicht in die Gemeinschaft integriert und bilden eine getrennte Gruppe, die auf lange Sicht eine Gefahr für die kongolesische Gesellschaft darstellen kann.

Aber die Angreifer brechen auch immer weiter die Symbole der traditionellen Gesellschaft. Einen Mönch oder den Vorstand des Dorfes vor den Augen seiner Gemeinde zu vergewaltigen, hat enorme Auswirkungen auf das Sozialgefüge, da die Erniedrigung zum Verlust der Identität der vergewaltigten Gemeinden führt. Die Männer verlieren ihre Rolle als Beschützer und die Solidarität zwischen den Dorfbewohnern ist gebrochen. Sexuelle Gewalt hat auch demografische Folgen. Unsicherheit verursacht Landflucht und ruiniert die lokale Wirtschaft. Frauen weigern sich, auf den Feldern zu arbeiten, Orte häufiger Angriffe, was zu Einkommensverlusten führt.

D.  Wirkung von sexueller Gewalt

  • unerwünschte Schwangerschaft oder unerwünschte Kinder,
  • Infektionen und sexuell übertragbare Krankheiten (HIV / AIDS)
  • Depression und Aggressivität der Opfern
  • Psychische Erkrankungen (Wutanfälle)
  • Verzweiflung
  • Selbstmordgedanken
  • Hoffnungslosigkeit
  • Ausgrenzung bzw. Ablehnung von der eigenen Gemeinschaft
  • E. Bekämpfung sexueller Gewalt
  • E 1. Die Verpflichtung des kongolesischen Staats: theoretische Maßnahmen welche kaum umgesetzt werden.Der kongolesische Staat führt verschiedene Aktionen durch, welche von technischen und finanziellen Partnern zur Bekämpfung sexueller Gewalt in der Demokratischen Republik Kongo begleitet werden. Die meisten dieser Maßnahmen beschränken sich jedoch auf mehr theoretische Ebene.Dies ist der Fall für:
    • Die Bekanntmachung des Gesetzes Nr. 6/19 vom 20. Juli 2006 zur Unterdrückung der Straftaten im Zusammenhang mit sexueller Gewalt
    • Die Änderung des Gesetzes, das das Familiengesetzbuch trägt
    • Schaffung und Errichtung des Kindergerichts
    • Schaffung und Umsetzung von Schutzmaßnahmen für Frauen und Kinder

      E 2. Maßnahmen der lokalen Zivilgesellschaft:

    • Sensibilisierung des öffentlichen Bewusstseins, damit die Täter von Vergewaltigungen denunziert werden.
    • Regelmäßige Aufklärungskampagne gegen sexualisierter Gewalt, damit Opfer routinemäßig Gesundheitsdienstleistungen, wie Untersuchung von sexuell übertragbare Krankheiten und  insbesondere schwangere Frauen vor- und nachgeburtliche Sorge erhalten können.
    • Organisation von Workshops zu verschiedenen Themen zu geschlechtsspezifischen Informationen sowie geschlechtsspezifischer Gewalt, sowie zu ungleichen Machtverhältnissen oder zu sexuellen und reproduktiven Gesundheitsrechten Gründung von Vereinigungen von und für Frauen, die anfällig für sexuelle Gewalt und Überlebende sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt sind
    • Unterstützung von Opfern sexueller Gewalt und Hinterbliebene sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt, unabhängig von rechtlicher, medizinischer und psychosozialer Unterstützung.

     

    F. Herausforderungen im Kampf gegen sexualisierte Gewalt in der DRK

    Die Akteure, die sich dem Kampf gegen sexuelle Gewalt verschrieben haben, sehen sich den Herausforderungen verschiedener Formen von Gewalt gegenüber. Manche Frauen, die Opfer sexueller Gewalt sind, ziehen es vor, zu schweigen. Sie wollen die Kriminellen trotz zahlreicher Sensibilisierungskampagnen und Schulungen, die von Akteuren gegen sexuelle Gewalt geleitet werden, nicht denunzieren, unter anderem aus folgenden Gründen:

    • Die Angst von ihren Ehemännern verlassen zu werden (Scheidung befürchtend), zum Beispiel für die Kasai-Familie: Sobald eine Kasaianerin vergewaltigt wird, muss sie aus dem Haus/Familie vertrieben werden und Kinder gehören nunmehr dem Mann oder der Familie des Mannes an, wenn gleich dieser nicht in der Lage wäre, sich um seine Kinder zu kümmern.
    • Befürchtung als Opfer bestraft zu werden. Zum Beispiel eine Studentin, die von ihrem Lehrer vergewaltigt wurde, droht ein  Schulverweis und Stigmatisierung, während der Hochschullehrer begünstigt wird
    • Angst von Begünstigung von Täter statt Opfer zu schützen: Wenn der Täter ein Militär oder Polizist ist, wird er kaum zur Rechenschaft gezogen, sondern die Opfer, welches versucht die Täter zu denunzieren
    • Verharmlosung der sexualisierten Gewalt. Eine einvernehmliche Lösung zwischen den beiden Familien, welche die Täter begünstigt und den Opfern Gerechtigkeit abspricht – im Namen des sozialen Friedens zwischen der Familien
    • Korruption und Armut. Wenn der Täter an die Kommune oder die Polizei gemeldet wird, bezahlt dieser eine Geldsumme und  wird so  in wenigen Minuten wieder frei gesprochen

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