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Helikoptereltern auf dem Schulweg

Fahrräder vor der Schule geparkt

Es gibt ja nicht nur die Klassenfahrt, bei der kulturell geprägte Vorstellungen von Erziehung  aufeinander prallen. Eigentlich betrifft das das ganze Schulleben, von vorne bis hinten. Fangen wir mal vorne an. Beim Radfahren.

Ich glaube, Kinderräder werden hier vor allem an Kund*innen verkauft, die sonntags vormittags, wenn die großen Straßen in Mexiko Stadt zum Freizeitvergnügen der Leute gesperrt sind, ein bisschen auf der Avenida Reforma herumcruisen wollen. Jedenfalls definitiv nicht an Familien, die mit ihren Kindern mit dem Rad zur Schule fahren. Dafür sind hier andere Verkehrsmittel vorgesehen. Zu Fuss, mit der Metro oder dem Bus, oder im Auto, sei es eigenes oder Taxi.

Ja, es ist nicht selten, morgens Elternteile mit uniformiertem Kind am Straßenrand nach einem Taxi winken zu sehen. Wenn sich die Schule in der Nähe befindet, kann der Preis durchaus nur zwei bis drei Euro betragen. Meiner Schätzung nach die meisten Mittelklasse-Eltern in Mexiko-Stadt bringen ihre Kinder mit dem Auto, darüber habe ich ja bereits im Dezember berichtet.

Wenn ich, in schöner Entenreihe, mit drei Kindern mit dem Fahrrad durch unser Viertel fahre, sind uns alle Blicke von Autofahrer*innen, Fußgänger*innen und anderen gewiss: wir sind eine echte Attraktion. Denn niemand würde sich bei all den respektlosen Fahrer*innen hier mit Kindern auf die Straße wagen. Die rote Ampel wird hier eher so als Indikator gesehen, und insbesondere Motorräder bleiben davor eigentlich nie stehen. Auch in unserer eigenen Erfahrung ist es besonders SUVs wichtig, den 5-jährigen zunächst noch mit geringem Abstand zu überholen und dann schnell vor ihm rechts abzubiegen.

Also habe ich auch Verständnis. Der oder die elfjährige sitzen meist höchstens hinter Papa auf dem Gepäckträger. Und unsere Alternativ-Schule hat einen Fahrradständer mit acht Plätzen. Mit anderen Worten: wir belegen fast die Hälfte. Die anderen Schüler*innen mit Rad kommen auf dem Bürgersteig, begleitet vom Elternteil zu Fuß. Die radikale Radfahrerin in mir ist darüber sehr traurig. Erstens über eine Schule, die nur acht Fahrradplätze hat. Zweitens, dass mein Fünft- und bald Sechstklässler nicht mehr alleine in die Schule fährt.

„Infantilisierung“ hat das ein Freund genannt (und er ist selbst Mexikaner). La mamá (denn die ist es meistens noch) übernimmt gerne alle möglichen Aufgaben für ihre Kinder, und als Ergebnis gibt es diese enge Familienbindung bis ins jüngere Erwachsenenalter. Das steht meiner Philosophie, die Kinder zur Selbstständigkeit zu erziehen, diametral entgegen. Und doch muss ich ab und zu nachgeben und mitmachen. Es war schließlich meine Entscheidung, mich auf diese Kultur einzulassen. Und es ist auch gut zu sehen, wenn etwas irgendwo anders läuft, selbst den Kindern fällt das auf. Ich hoffe, das wir daraus viele wertvolle Erfahrungen ziehen.

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