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„Ich will weder auf den Friedhof noch ins Gefängnis zurück“

Lolita Chavez, Maya K'iché

Spät, aber besser als gar nicht kommt hier die nächste Folge meiner Interviews mit Menschenrechtsverteidigerinnen, die ich bei unserer internationalen Mission nach Honduras geführt habe.

Lolita Chávez Ixcaquic aus Guatemala ist eine der bekanntesten Menschenrechtsverteidigerinnen der Region. Sie setzt sich fuer das Recht auf Land und die Identitaet der Maya K’iché ein. Sie hat immer ein Laecheln auf den Lippen, aber im entscheidenden Moment klare Worte sind Teil ihrer Persoenlichkeit, auch wenn sie im Moment im Exil lebt.

Sonia Gerth (SG) Meine Kollegin von Cimacnoticias hat dich 2016 das letzte Mal interviewt. Was ist seitdem in deinem Leben passiert?

Lolita Chávez (LC): Als Menschenrechtsverteidigerin hatte mein Leben tatsächlich mehrere Wendungen, ich hatte mehrere direkte Erfahrungen in meiner Organisation. Ich bin Teil des Rates der K’iché-Völker (CPK), und schon seit 2014, 2015 sind die Menschen in unserem Gebiet aufmerksamer auf Landrechte geworden. Damas wurde zwar schon von transnationalen Unternehmen gesprochen, aber nur wenige Personen haben sich organisiert. Das hat sich geaendert, in mehreren Regionen Guatemalas. Es gab auch starke Proteste gegen Korruption und Straflosigkeit. Faelle von Feminizid werden sichtbarer gemacht. Und auch die Schwestern, die den Genozid während des Krieges angeprangert haben, haben viel Kraft.

Leider bin ich persönlich mehr Repressionen ausgeliefert und angegriffen worden. Es gab Attentatsversuche gegen mich. Das war eine graduelle Steigerung der Kriminalisierung und Gefahr, so weit, dass ich das Territorium verlassen und internationalen Schutz beantragen musste. Das bewegt mich sehr im Moment. Aber das Gute ist, heute haben wir mehr internationale Netzwerke. Die Täter, die Angreifer wollten mich mit dem Attentat zum Schweigen bringen. Aber wir haben dem Ganzen eine Wendung gegeben, und jetzt weiß ich, dass eine andere Art des Aktivismus moeglich ist: Netzwerke zu schaffen, mehr mit der feministischen Bewegung zu arbeiten, von vielen Standorten aus, nicht nur von Abya Yala (antikolonialistischer Begriff fuer Lateinamerika), sondern zum Beispiel auch Europa. Wir haben mehr Strafprozesse auf internationaler Ebene angestossen, was uns zuvor schwer viel. Aber es tut weh, nicht in meiner Heimat zu sein, weil ich dort sehr verwurzelt bin.

SG: Ich kann mir vorstellen, dass du deinen Kampf neu erfinden musstest. Einerseits das Attentat verarbeiten, und andererseits, wie bleibst du aus dem Exil aktiv?

LC: Nun, man muss Klarheit über seine Ziele haben, den Weg, den wir gehen wollen. Und ich wollte immer das Recht auf Gerechtigkeit, Freiheit, Selbstbestimmung und Leben verteidigen. Um das Leben zu verteidigen musst du manchmal auch schwierige Entscheidungen treffen, zum Beispiel konnte ich mir vorher nicht vorstellen, ohne meine Kinder zu sein. Ich fühle einen tiefen Schmerz, das ist eine perverse Art des Staates, die Frauen anzugreifen können, sie von allem abzukoppeln. Meine Kinder und ich sind ständig in Kommunikation, aber nicht zu Hause sein zu koennen ist eine grosse Herausforderung, hat enorme Auswirkungen. Fuer mich ist das wie… ich sage immer psychologische Folter. Aber mir im Klaren darueber zu sein, dass ich am Leben sein will, frei und gesund, das gibt mir Kraft. Ich will keine Märtyrerin sein, ich will nicht sterben. Ich wurde nicht geboren, um ermordet zu werden, ich wurde nicht geboren, um gefoltert oder vergewaltigt zu werden, und ich denke, dass das Risiko fuer mich in meiner Heimat einfach zu gross geworden war.

SG: Und wie sind Sie mit den Menschen verbunden, die in Ihrer Organisation weiter arbeiten? Wie helfen Sie ihnen jetzt?

LC: Als ich ging, hatte ich noch keine Idee wie ich außerhalb meiner Heimat aktiv bleiben koennte. Vorher habe ich mich noch mit der Koordination des Rates der K’iché Voelker, des CPK, und Genossinnen aus dem Baskenland getroffen, die ein temporäres Schutzprogramm anbieten. Und dann haben die anderen mir gesagt: “Hoer zu, du musst gehen, weil es sehr, sehr riskant fuer dich ist und wir nicht wollen, dass du ermordet wirst.“ Sie haben dann vorgeschlagen, dass ich die Forderungen des CPK weiter in die Oeffentlichkeit tragen und Menschenrechtsverletzungen anklagen kann. Und so machen wir es jetzt, denn der CPK wird nicht nur auf internationaler Ebene, sondern auch auf nationaler Ebene unsichtbar gemacht. In den Medien wollen sie unsere Botschaft, dass die indigenen Voelker sich gegen die Vernichtung der Waelder wehren und um die Ressource Wasser kaempfen sollen, nicht verbreiten. Dann gibt es noch den Machismus, den wir Frauen bekaempfen, selbst wenn er in unseren eigenen Bewegungen vorkommt. Das ist es, was ich mache. Wir halten Meetings über unterschiedliche Medien ab. Oft auch verschluesselte Alternativen, weil die Telefone abgehoert werden. Ich kommuniziere ständig mit der Koordinatoin, und die Koordination hat sich verpflichtet, meine Botschaft an die Versammlung weiterzuleiten, die höchste Autorität des CPK. Und dann gibt es eine Nachricht an mich zurueck. Wir sind also immer noch eng verbunden, was brauchen sie, damit ich weiter anklage, die Organisation, die Fortbildung von Frauen, die Aufzeichnung der Fälle, denn die Menschenrechtsverletzungen gehen ja weiter. Im Moment sind wir gerade dabei, auch fuer andere gefaehrdete Mitglieder des CPK Schutzmassnahmen zu beantragen.

SG: Woher kommen diese Bedrohungen?

LC: Wir haben eine ziemlich klare Idee davon, wer die CPK-Genossen bedroht, aber auch wer diejenigen sind, die mich angegriffen haben und immer noch angreifen. Denn das große Problem in der K’iché Region ist, in dem Moment in dem ich gegangen bin haben sie mich als Beispiel genutzt. Sie sagen den Frauen, schau dir das an, fuenf Attentate, eine versuchte Vergewaltigung, das kann dir passieren wenn du weiterkaempfst. Und wer macht das? Das Militär. Und oeffentliche Amtstraeger, zum Beispiel Bürgermeister, Abgeordnete im guatemaltekischen Parlament. Sie fordern die Frauen heraus und sagen ‘Mal sehen ob ihr es wagt, ohne Lolita weiter zu kämpfen’. Auf der Straße werden sie auch angegriffen, hauptsächlich von Machos. Und die andere Gefahr sind transnationale Unternehmen. Weil wir, die Maya-Voelker, das Xinka-Volk und das Garifuna-Volk auch auf internationaler Ebene kaempfen, und zum Beispiel Wasserkraftwerke anprangern.

Zum Beispiel ACS, ein Unternehmen von Florentino Perez, dem Praesidenten des Fussballclubs Real Madrid. Das ist das Energieunternehmen, das fuer die meiste Zerstoerung, die meisten Attentate, Kriminalisierung und Verfolgung in Guatemala verantwortlich ist. Zum Beispiel der Genosse Bernardo Caal, sitzt deswegen im Gefängnis, aber dieses Unternehmen und der spanische Staat sagen auf internationaler Ebene, dass sie die Guatemala Entwicklung bringen. In Wirklichkeit versagt ACS 30.000 Menschen den Zugang zu Wasser. Das heisst, meine Angreifer, und auch die Leute, die meine Genossen vom CPK bedrohen, sind Kriminelle, die mit diesen Unternehmen verbunden sind.

SG: Sind Sie denn mit dieser Strategie der Einschüchterung von Frauen erfolgreich?

CL: Ich sehe, dass Frauen grossen Mut haben. Sie haben natürlich Angst, aber sie verwandeln sie in Stärke, in Energie, in Organisation, in Kampf. Und das ist sehr inspirierend für andere Frauen, denn auch in anderen Regionen wird ihnen gesagt: „Kaempft ihr immer noch?“, und sie sagen: „Ja, wir sind Genossinnen von Lolita“, und dann: „Oh, gut, wir kennen Lolita!“ und so geht die Mund-zu-Mund Propaganda weiter und sie geben sich gegenseitig Kraft. Diese Frauen sind sehr mutig, sie sehen sich nicht als Opfer, sondern als politische Akteurinnen und sagen: „Wir werden weiter kämpfen! Auch gegen die Macho-Ehemänner. Ob Lolita nun da ist oder nicht, wir sind unsere Autorität, und wir treffen unsere eigene Entscheidung, Nein zum Machismus zu sagen, uns von Gewalt gegen Frauen und die Territorien von Extraktivismus zu befreien.

Und ein weiterer Kraftakt ist auch Spiritualität. Sie arbeiten dort daran, und ich mache auch weiter mit meiner kosmogonischen Verpflichtung zur Spiritualität. Und an manchen Stellen haben wir uns mit religioesen Anfuehrer*innen getroffen, die aus Guatemala stammen …

SG: Dieser Teil ist auch schwierig, vom Exil aus…

LC: Ja, aber man bringt mir zum Beispiel Kerzen mit, sie wissen, wann es internationale Treffen von Menschenrechtsverteidiger*ïnnen oder Feministinnen gibt, und dann schicken sie mir Material. Das ist eine sehr schoene Beziehung zu meinen Freundinnen, sie wissen zum Beispiel, dass ich das Essen sehr vermisse, oder meine Kleider, und dann schicken sie mir welche. Sie haben mir schon den Maya-Kalender geschickt, meinen Rucksack, Klamotten, meinen Schal … alles Moegliche, was gerne hätte aber ausserhalb Guatemalas nicht finde, Chilis, Kaffee, schwarzes Salz, das hat mich sehr animiert. Ich traeume jeden Tag davon, zurueckzukehren, aber ich möchte nicht in das Gefängnis oder auf den Friedhof zurückkehren. Ich moechte, dass internationale Organisationen sich verpflichten, meinen Aufenthalt in Guatemala zu ueberwachen. Die Berichterstatter*innen der Vereinten Nationen haben schon gesagt, dass sie vom guatemaltekischen Staat verlangen werden, dass er das Recht, Menschenrechte zu verteidigen, achtet.

SG: Im Moment scheinte es allerdings eine schlechte Zeit für internationale Organisationen in Guatemala zu sein. Stimmt es, dass die Tochter von Rios Montt (ehemaliger Praesident, verantwortlich fuer Genozid) für die nächsten Wahlen kandidieren will?

LC: Tja, nicht nur die Tochter von Ríos Montt steht in Verbindung mit Repression und Genozid nicht. Sie ist fuer die Militarisierung, aber es gibt auch andere, die mit Otto Pérez Molina (ehemaliger Präsident) verbunden sind, zum Beispiel Estuardo Galdámez, der als Abgeordneter im Vorstand des Kongresses sitzt. Er ist Abgeordneter der Region K’iché, und er möchte sich auch bewerben. Es gibt mehrere Angehoerige der Oligarchie und der Armee, die kandidieren wollen. Guatemala weint Blut, es ist keine gute Zeit. Und wie zu anderen Zeiten konnten wir uns nicht ausruhen, die indigenen Voelker werden deswegen brutal unterdrueckt. Jetzt in umstrittenen Gebieten zu leben, bedeutet, dass Korruption und Straflosigkeit weitergehen.

Diese Regierung von Jimmy Morales ist intrigant, eine Regierung auf dem Boden, es gibt perverse Interessen der Unternehmen, aber auch der Oligarchie, die die internationalen Verpflichtungen zum Beispiel bei der CICIG (Internationale Kommission gegen Straflosigkeit in Guatemala; Morales will sie aus dem Land schmeissen) nicht einhält. Aber es geht nicht nur gegen die CICIG, es geht jetzt gegen auch die Justiz. Die wenigen verbliebenen Richter*innen, die sich in einem vermeintlichen demokratischen Prozess mit dem Fall beschaeftigen können, werden jetzt auch verfolgt. Es werden also nicht nur die Menschenrechtsverteidiger*innen, sondern auch die indigenen Voelker, die LGBTI-Gemeinde, und die Richter*innen verfolgt, und die Territorien remilitarisiert, das jedenfalls erzählen sie mir im K’iché.

SG: Du sagtest, dass Du nach dem Verlassen des Landes die Verbindungen zu Feministinnen wiedergefunden hast, auf welche Weise?

LC: Ach, nicht nur zu den Feministinnen! Als ich ging, sagte ich mir, wenn ich nicht mit meinen Leuten zusammen sein kann, möchte ich die Verbindung zu feministischen Bewegungen, zu Gefluechteten, Migrant*innen und Angehörigen von Gefangenen und politischen Gefangenen aufnehmen. Ich möchte verstehen, wie so eine Situation, kriminalisiert zu werden, erlebt wird, auch in anderen Laendern. Denn mir fällt es sehr schwer, diese Situation zu ertragen, dass ich von der Lehrerin zur Kriminellen werde. Ich bin nicht kriminell, meine Familie weiß es, der Rat weiß es. Aber da es Massenmedien sind, die Kampagnen gegen mich in sozialen Netzwerken oder in Zeitungen mit grossen Auflagen starten, wird das in Guatemala stark verbreitet. Ich wurde sehr stark von den Medien angegriffen. Zum Glueck gibt es die Austauschprogramme mit anderen Laendern! Zum Beispiel gibt es im Baskenland eine Bewegung, die sagt: „Willkommen Gefluechtete!“ Sie machen sehr gute Arbeit mit Gefluechteten, mit Leuten, die nicht aus Euskadi stammen, sehr nett. Und dann auch die feministische Bewegung, der Weltmarsch der Frauen und auch die Feministinnen des spanischen Staates. Ich war beeindruckt, wie viele Frauen am 8M, am 8. März auf die Strasse gehen! Und auch wie sie sich je nach Region organisieren, zum Beispiel Madrid, Barcelona, Bilbao… damit sie am 8. März mit starken Positionen ueberzeugen koennen.

Dann habe ich auch Kontakt zu Angehörigen von politischen Gefangenen des spanischen Staates aufgenommen. Ich wusste nicht, wie das laeuft, wo die Gefangenen sind, dass sie in die Schweiz gebracht werden. Ich habe einen Genossen in der Schweiz besucht, und ich verstand das alles nicht, wie sie die politischen Gefangenen von ihren Familien fernhalten, die dadurch ja auch eine Art Folter erleben. Aber sehr nette Familien! Sie organisieren sich, um ihre Angehoerigen regelmaessig zu sehen. Und die Doerfer veranstalten Feste, wenn sie wiederkommen, selbst wenn sie 10 oder 15 Jahre weg waren, es gibt Aktivitäten, sie werden nie vergessen!

Die Feministinnen machen auch hervorragende Arbeit, Fortbildungen, der Kampf um Gerechtigkeit, gegen das Patriarchat. Aber auch die feministischen Migrant*innen, die feministischen Roma… Und hier in Abya Yala, in Lateinamerika, habe ich auch andere Bewegungen getroffen, zum Beispiel Menschenrechtsverteidigerinnen, den Zusammenschluss IM Defensoras, sehr nett, sehr inspirierend.

SG: Was haben Sie aus dem Garifuna-Gebiet von Honduras mitgenommen?

LC: Ich nehme die Stärke der Menschenrechtsverteidigerinnen mit, ihren Kampf gegen das Patriarchaten und ihre Spiritualität. Die Spiritualität ist tiefgreifend, aber auch die Kunst, der Tanz, den sie dort haben, und ihre Organisation so klar, so entschlossen und wie sie gegen die Angst arbeiten. Es ist eine sehr starke Kraft, die uns viel Energie und Lebenskraft gibt. Und ich weiß, dass uns auch Ihre Vorfahr*innen begleiten.

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