Frauen Politik

Internationales Frauentreffen der Zapatistinnen (Teil 2)

Zuschauerinnen, Bühne

Drei Tage dauerte das Frauenfestival der Zapatistinnen, das „Internationale politische, künstlerische und sportliche Treffen von Frauen, die kämpfen“, insgesamt. Vier Nächte verbrachte ich mit meinen Kolleginnen in einem Zelt-so eine gemeinschaftsfördernde Maßnahme ist mir in zwölf Jahren Deutschlandradio verwehrt geblieben ;). Immerhin wurde nicht innerhalb des Zelts geschnarcht, sondern zwei Zelte weiter.

Und, mehr unfreiwillig als freiwillig, sah ich die beiden mitunter den ganzen Tag nicht. Denn es musste sich nur eine zum Klo verabschieden (quer über den Platz und dann Schlange stehen. Obwohl-habe ich schon gesagt, was für einen Top Klodienst die Zapatistinnen organisiert hatten? Ständig war eine Brigade bei den 100 Toiletten mit Nachschütten und Saubermachen beschäftigt. Und nicht zuletzt: in dieser ländlichen, abgelegenen Gegend gab es durchgehend Wasser– eine Meisterleistung!) und die andere eine AG angucken wollen, schon waren sie weg. Und bei 7.000 Teilnehmerinnen auch nicht mehr auffindbar.

Workshop beim Zapatistinnen Festival
Die Arbeitsgruppen waren meist so voll, dass man nicht hören konnte, was in der ersten Reihe gesprochen wurde

Bis zu diesem Zeitpunkt war meine Auffassung, wie ein Frauenfestival abläuft, einzig durch Comicstrips von Alison Bechdel geprägt. Und was soll ich sagen? Alle Klischees wurden erfüllt, inklusive der Frauen, die oben ohne rumrannten. Es waren schon ziemlich viele cosas raras, also seltsame Dinge, wie die Zapatistinnen in der Abschlussrede sagten, dabei. Die rund 360 Workshops, Theaterstücke und Konzerte wurden überwiegend von den Gästen angeboten. Es gab: „Dekolonisiere deine Hüften“, „Körperpoesie“, „Weibliche Gottheiten und Transformation“, „Libertäre Gebärmütter“, sowie natürlich den Lachworkshop und den Umgang mit Textilbinden.

Das kam mir am Anfang schon etwas komisch vor, genauso wie die vielen spontanen Zusammenrottungen mit Trommeln und Tanz.

Frauen tanzen
Spontaner Tanz auf dem Fussballfeld

Zum Glück gab es auch viele Workshops, die mit Politik zu tun hatten, zum Beispiel über den  Kampf um Land, um Ressourcen wie Wasser, gegen Megaprojekte etc. (wenn ich daran denke, wie viele tolle Sachen ich verpasst habe, weil ich in der Schlange zum Klo, zum Essen, vor der Dusche oder- ich muss auch ehrlich sein- beim Verkauf von Handarbeiten stand!)

Die Mütter von Verschwundenen und Opfern von Feminizid informierten über ihren Kampf gegen die Straflosigkeit. Hilda Hernández, die Mutter eines der Verschwundenen von Ayotzinapa, beklagte dass die Staatsanwaltschaft die Akte in diesem Jahr schliessen wolle, obwohl bisher noch keiner der 43 gefunden worden sei. Die mexikanischen Behörden beharren immer noch auf der Version, dass die Studenten auf einer Müllhalde von Kriminellen verbrannt worden seien. Argentinische Forensiker haben aber nachgewiesen, dass das nicht stimmen kann. Die Gewalt, vor allem gegen Frauen, ist ein Thema, unter dem alle Frauen gleichermassen leiden, egal ob indigen, mestiza oder weiss, reich oder arm, aus dem Norden oder dem Süden, das hatten die Zapatistas schon in der Eröffnung anklingen lassen. In Mexiko werden laut UN sieben Frauen am Tag ermordet, nur weil sie Frauen sind.

Selbstverteidigung
Selbstverteidigung war auch einer der Workshops

Im Verlauf der drei Tage fühlte ich mich aber immer wohler auf unserem Festivalgelände, und die Besuche von uns dreien bei unserem Kollegen, der eine Reportage über die Männer, die draußen bleiben mussten schreiben sollte, wurden weniger. Es war eine tolle Energie, die mich (oder uns) erfasste. Es ist so schwer, diesen Room of One´s Own zu beschreiben ohne männerfeindlich zu klingen. Ich fühlte mich irgendwie freier, und ermutigt: durch all diese Frauen, die das alles alleine stemmten, insbesondere die zapatistas. Sie haben das Vorurteil über indigene Frauen auf dem Land, auch in meinem Kopf teilweise, von wenig gebildeten, technikfeindlichen, schüchternen Frauen tausendfach widerlegt. Sie haben uns mit ihrem Lächeln unter der Sturmhaube um den Finger gewickelt. Sie haben uns mit ihrer Organisation und der Gemeinschaft, die sie auszeichnet, gezeigt, dass es auch ein Lebensmodell jenseits des hedonistischen Individualismus westlicher Art gibt. Sicher- die Unterordnung in einer  Gemeinschaft hat auch ihre Schwächen, wenn jemand von der Norm abweicht, sich eingesperrt fühlt, oder doch andere zu ihren Gunsten manipuliert. Das Charmante an unseren Gastgeberinnen war jedoch, dass sie ihre Schwächen zugaben und sogar Witze darüber machen konnten.

Ich bin deshalb nicht zur Unterstützerin der EZLN geworden. Aber die Frauen auf diesem Festival haben mich beeindruckt. Es war nicht immer einfach, durch die Sturmhaube hindurch Kontakt mit einer aufzunehmen, noch dazu wenn sie im Pulk unterwegs war. Wir haben ziemlich lange gesucht, um Interviewpartnerinnen zu finden, die uns etwas über Gesundheit, Erziehung und politische Beteiligung der Frauen in den Caracoles, den autonomen Bezirken, erzählen. Insbesondere, da die restlichen indigenen Gemeinden in Chiapas zu den abgehängtesten in Mexiko gehören. Und- da widerspreche ich mir schon im Gegensatz zum letzten Absatz- es war schon ein recht einheitliches „alles ist besser als früher“-Bild, das sie da zeichneten.

Zapatista
Zenaida aus dem Caracol Oventic war eine unserer Interviewpartnerinnen

Dennoch haben die Frauen uns am Ende mit ihrer Hartnäckigkeit überzeugt. Sie waren es, die direkt zu Beginn das „Revolutionäre Gesetz der Frauen“ durchsetzten, in dem die Zwangsheirat abgeschafft wurde und Familienplanung erwünscht. Schon kurz nach 1994 setzten sie ein komplettes Alkoholverbot (Marihuana auch, sehr zum Leidwesen der anwesenden Hippies) im zapatistischen Territorium durch. Damit ist die häusliche Gewalt offenbar drastisch gesunken. Und auch wenn wir nicht wissen, wie groß die Redeanteile der Geschlechter sind: Die Ortsräte der Zapatistas sind paritätisch besetzt.

Wir waren beeindruckt. Wir haben gelacht, wir haben zornige Schlachtrufe, porros, gerufen, und wir haben geweint. Ganz besonders in der Abschlussveranstaltung. Die Rede, vorgetragen von Alejandra, einer jungen Frau aus dem autonomen Bezirk Realidad, war in bester zapatistischer Tradition verfasst: mit Witz, Ironie, ein wenig Selbstkritik und Bescheidenheit. Alejandra forderte die Besucherinnen auf, ein Licht in die Welt hinauszutragen: “Tragt es zu den Verschwundenen, den Ermordeten, den Gefangenen, den Vergewaltigten, den Migrantinnen, und sagt ihnen, dass sie nicht alleine sind, sondern dass ihr für sie kämpft. Weicht nicht zurück, verkauft euch nicht, gebt nicht auf!” Erst war ich ja froh darüber, dass in der Dunkelheit nicht gleich auffiel, wie mir die Tränen über die Wangen liefen. Aber dann hörte ich neben mir und hinter mir auf einmal *schnüff*, *schnüff*, und war beruhigt, dass wir diese Achterbahn der Gefühle zum Abschluss noch einmal gemeinsam durchfuhren.

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