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Jorge Verástegui González: Memoria de un Corazón ausente

Buch über Verschwundene

Dieses Buch hat ebenfalls mit der sehr schwierigen Thematik der Verschwundenen zu tun. Im Rahmen des Muttertags am 10. Mai gab es nicht nur die große Demonstration, ein Mitarbeiter der Heinrich-Böll-Stiftung stellte auch dieses Buch vor, das zwölf Geschichten von Verschwundenen im Bundesstaat Coahuila versammelt. Ich habe darüber auch für meine Agentur geschrieben.

Der Herausgeber, Jorge, ist selbst Bruder eines Verschwundenen und daher seit langen Jahren in der Szene vernetzt. Wenn man das so sagen kann, denn die Umstände sind ja mehr als traurig. Chihuahua ist, wie schon im vorigen Blogeintrag erwähnt, der Bundesstaat mit den meisten Verschwundenen. Jorge hatte das Vertrauen zu den Angehörigen, um zusammen mit ihnen diese sehr intimen Geschichten aufzuschreiben.

Sein Anliegen war von Anfang an, die Menschen zu portraitieren, die verschwunden sind (teilweise schon vor fünfzehn Jahren). Es sollte keine Konzentration auf „den Fall“ sein, die Umstände des Verschwindens, die Spuren oder das, was die Behörden bisher gemacht haben- oder auch nicht. Es sollte darum gehen, wer die Opfer waren, als sie noch zu Hause und Teil ihrer Familie waren. Es sollte darum gehen, zwölf von 35.000 Verschwundenen ein Gesicht und eine Geschichte zurückzugeben.

Eine von ihnen ist Dora Elva Solís Parrilla. Vielleicht ist sie mir deswegen aufgefallen, weil sie mir ähnelt. Eine selbstständige Frau, Akademikerin, Chemikerin, mit ein wenig Pech in der Liebe im Leben. Auf dem Bild, das ihre Schwester in dem Band hochhält, lächelt uns eine schöne Frau mit einem grünen Bandana in den Haaren entgegen, den Zeigefinger der rechten Hand wie in Denkerpose an der Wange.

Dora wurde 1970 geboren, die vorletzte von neun Kindern. Sie war sehr eng mit ihrer Schwester, die ein Jahr älter war, beide wurden in der Familie „Die Zwillinge“ genannt. Sie mochte enchiladas mit Käse und Zwiebeln, sie mochte Hunde. Sie hatte zwei Labradore. Am 5. März 2010 verschwand sie in Zaragoza, Coahuila, die Täter sind unbekannt.

Es mutet manchmal ein wenig schlicht an, wenn der Autor die Angehörigen nach den Lieblingsspeisen und der Lieblingsmusik der Verschwundenen fragt, manchmal hätte ich mir ein paar tiefergehende Fragen gewünscht, um mehr über das Wesen dieser Personen zu erfahren. Dennoch, wenn ich mir vorstelle, ich sollte jetzt meinen Bruder beschreiben, würde ich ihm gerecht werden? Kaum. Erst recht nicht, wenn er seit acht Jahren verschwunden ist und mein ganzes Leben seither von der Suche nach ihm und dem Kampf mit Polizei und Behörden in Beschlag genommen ist.

Das es ein Corazón ausente, ein Herz, das abwesend ist, gibt, und dass gebrochene Familien und Geliebte zurückgelassen werden, merkt man am Brief, der jedem Kapitel beigefügt ist: ein handgeschriebener Brief der Verwandten an die Abwesenden.

Hallo Dora, dir schreibt deine Schwester. Weißt du was? Ich vermisse dich. Wie am ersten Tag. Ich weiß nicht, wo du bist, und auch nicht wer zur Hölle dich mir entrissen hat. Diese Leute wissen nicht, welchen Schaden sie unserem Herzen zugefügt haben. (…) mir fehlt die Schwester, die obwohl sie jünger war, mich ausgeschimpft hat als wäre sie meine Mutter. Mir fehlt die Schwester, die so viel über Bücher wusste, über Kinofilme, Theaterstücke, Städte und Musik. (…) P.S: Die Telefonnumer von zu Hause ist die gleiche, Mamá hat verboten sie zu ändern. Du bist gegangen als deine Nichte in der Mittelstufe war, jetzt ist sie schon in der Universität. Du würdest stolz auf sie sein, sie macht bald ihren Abschluss und es wäre eine Ehre für uns, wenn du bei der Abschlussveranstaltung in der ersten Reihe sitzen würdest. Ich liebe dich.

Ich schwanke. Einerseits- wie pathetisch, wie dick aufgetragen vom Verantwortlichen. Andererseits- er ist selbst Angehöriger. Und hat das Leid der Familien von Verschwundenen im öffentlichen Bewusstsein einen Platz? Nein. Sollten wir daran erinnert werden? Ja, damit sich etwas ändert. Diese tapferen Menschen haben all unsere Unterstützung verdient.

Jorge Verástegui González (coord.): Memoria de un corazón ausente. Historias de vida. Preis: umsonst. Auch als PDF-Version.

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