Anders als zu Hause Familie

Klassenfahrt mit Helikoptereltern

Koffer von der Klassenfahrt

Das Buch von Amy Chua über die Tigermütter ist, davon gehe ich aus, in Mexiko unbekannt. Ich glaube, in Mexiko gibt es nur Helikoptermütter. Und Väter, und Großeltern. Meine Freundin meinte, bei ihrer Sekretärin rufen selbst die 30-jährigen Kinder noch jeden Tag an (im Büro!) und fragen sie um Rat wegen irgend etwas. Und das „jeden Tag“ ist wörtlich zu nehmen.

Von daher sehe ich schon, dass es etwas Besonderes, etwas Außergewöhnliches ist, dass unsere Schule als Teil ihres erzieherischen Konzepts drei Tage auf Klassenfahrt fährt. Die meisten mexikanischen Schulen machen offenbar nur Tagesausflüge. War auch recht teuer, die Klassenfahrt. Scheint auch recht kompliziert zu sein, so etwas zu organisieren. Nachdem die Schule den von einer Vorab-Kommission in Augenschein genommenen Seminarort eine Woche vor der Abfahrt über den Haufen geschmissen hatte („Hatten doch nicht so viele Betten, wie versprochen.“ „Ach? Und das ist vorher niemandem aufgefallen?“), ging es an einen für die anderen Eltern altbekannten, eine Stunde im Norden von Mexiko Stadt.

Dafür mussten alle Eltern erstens neu ihr Einverständnis geben, und zweitens eine neue Erlaubnis vom Erziehungsministerium beantragt werden. Anscheinend wird das alles nur durchgewunken, wenn die vorhergesehene Jugendherberge alle Bedingungen erfüllt (erdbebensicher, Zaun ums gesamte Gelände und noch andere Dinge). Eigentlich ja ganz beruhigend. Aber wenn man sich vorstellt, es würde mehr Schulen geben, die Klassenfahrten machen, auch recht aufwendig.

Die Kinder fuhren also an einem Mittwoch morgen los und sollten Freitag nachmittag wiederkommen. Bei der letzten Klassenfahrt meines Sohnes in Deutschland (4. Klasse, Montag bis Freitag) war die Ansage folgendermaßen: „Die Kinder dürfen kein Handy oder sonstige elektronische Spielzeuge mitnehmen. Die Eltern erhalten über den Klassenverteiler einmalig eine Nachricht, dass wir gut angekommen sind. Danach gibt es keine Nachrichten mehr, bis wir zurück sind.“

Die mexikanischen Eltern würden verrückt werden!

 

 

Auch hier durften unsere Kinder keine Handys mitnehmen. Aber leider haben ja die Eltern welche! Schon einen Tag vor der Abfahrt wurde ich ohne mein Einverständnis in eine Whatsapp-Klassenfahrts-Gruppe aufgenommen. Das Problem war, es fuhr nicht nur eine Klasse, es fuhren alle Klassen von der zweiten bis zur fünften. Und die Schule ist zweizügig (wenn auch mit kleinen Klassen). Zuerst entspann sich unter den Mitgliedern eine Debatte, wozu diese Gruppe da sei, und wozu nicht. Ergänzung: natürlich bin ich nebenbei noch in drei Klassen-Whatsapp-Gruppen. Eine dreistellige Zahl von Nachrichten erwarte mich, teilte mir die App mit. Ich beschloss, mich nicht zu beteiligen. Eigentlich wartete ich nur auf die EINE Nachricht (die gleiche, die ich in der vierten Klasse erhalten hatte).

Anscheinend hatten bestimmte Eltern in der Gruppe Fragen gestellt, die den anderen „zu dumm“ waren. Ich habe die Diskussion nur überflogen, und war ganz froh, als Nicht-Muttersprachlerin nicht alles zu verstehen. Jedenfalls wurde die Gruppe noch am Morgen des ersten Tages wieder geschlossen.

Stattdessen ging die Diskussion in den Klassengruppen weiter. Sie sind angekommen, juhu! 15x „Danke für die Nachricht“. Und dann ging es weiter:

Texte zur Klassenfahrt
„Hallo, gibt es Neuigkeiten?“ „Hallo, alle haben gegessen, es geht ihnen gut und sie sind glücklich. Grüße“ „Ja. Alles gut und sie sind glücklich.“ „Vielen Dank!“

Oh man! Ich habe mich eigentlich gewundert, dass die Schule nicht auch über den erfolgreichen Stuhlgang oder das Zähne putzen berichtet hat. Die Kinder haben gegessen. Schön für sie, davon war ich ausgegangen! Aber pünktlich zwei Stunden vor der nächsten Mahlzeit gab es in der Gruppe die ersten besorgten Anfragen, ob man schon etwas gehört habe, man sei sich nicht sicher, ob schon etwas mitgeteilt worden sei…

Ich weiß, wir Deutsche erschrecken wahrscheinlich viele Menschen auf der Welt damit, dass wir die Kinder alleine zur Schule gehen lassen, alleine auf die Straße gehen lassen, alleine zu Freunden oder Hobbies gehen lassen… aber war das nicht zumindest früher überall mal so? Alle sind jedenfalls heile zurück gekommen, sehr glücklich und mit roter Nase, weil sie sich natürlich an keinem der Tage selbstständig mit Sonnencreme eingeschmiert haben, aber was soll’s. Am wichtigsten ist, dass die Zahl der Whatsapp-Nachrichten jetzt wieder im zweistelligen Bereich ist.

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