Politik

Mexiko Stadt, zwei Monate nach dem Erdbeben

Abgesperrter Bereich

Heute ist der 19. November. Vor exakt zwei Monaten bebte in Mexiko Stadt die Erde. 228 Menschen verloren an diesem Tag in Mexiko Stadt ihr Leben. Nur eine Woche davor hatte ein ebenso schlimmes Beben den Süden Mexikos getroffen. Tausende verloren ihr Haus, wohnen seitdem bei Verwandten oder in Notunterkünften, oder-schlimmer noch- in den stark vom Erdbeben geschädigten Gebäuden.

Und es macht nicht den Anschein, als ob die Regierung (sei es die nationale oder der Bürgermeister) den Opfern sinnvolle Hilfe leistet. Die meisten Mexikanerinnen und Mexikaner, mit denen ich gesprochen habe, haben den 19. September (#19S) als einschneidenden Tag erlebt. Das Leben ist noch nicht wieder genau so wie vorher, auch wenn die Metros voll sind, die Staus dieselben, die Menschen ihrer Arbeit nachgehen.

Bei uns im Büro sind alle schnell auf die Straße gerannt. Der Erdbebenalarm kam dieses Mal zeitgleich mit den ersten Bewegungen. Er ist in allen Radios zu hören und auch aus Lautsprechern auf der Straße. In der Nähe des Büros im Zentrum war das Ausmaß der Schäden nicht sofort zu erkennen. Erst dann sind sich die Reporterinnen der Tragweite dieses Bebens bewusst geworden und sind schnell ausgeschwärmt, um zu berichten.

Unbewohnbares Gebäude im Stadtteil Del Valle

Überall in der Stadt sind Spuren des Erdbebens zu erkennen

 

Wenn man heute in den am meisten betroffenen Zonen durch die Straßen fährt, sieht man an allen Ecken schiefe Häuser, abgesperrte Bereiche, und teilweise auch die Orte, an denen Häuser eingestürzt sind. Die Busse fahren teilweise noch nicht wieder die gleichen Strecken ab, weil Straßen gesperrt sind, oder Masten auf Stromleitungen gefallen waren.

Die spontane Hilfe, die vor zwei Monaten von Privatleuten geleistet wurde, hat mich beeindruckt. Es war überwältigend, wie viele schnell zur Stelle waren und bei der Suche nach Verschütteten geholfen haben, Essen, Kleidung, ihre Arbeitskraft gespendet haben. Aber das, was der Staat leistet, ist bedauernswert.

Im Colegio Rébsamen, die Schule im Südosten von Mexiko Stadt, starben 19 Schulkinder. Hinterher stellte sich heraus, dass die Besitzerin und Direktorin sich offenbar ohne statische Prüfung ihre Privatwohnung aufs Dach hatte bauen lassen- mit Jacuzzi und einer Tonne Marmor im Bad. Offiziell überprüft wurde der Bau anscheinend nicht.

Tausende Kinder in der Hauptstadt gehen immer noch nicht wieder in die Schule. Anfang Oktober waren im ganzen Land laut Save the Children mehr als fünf Millionen Kinder betroffen, wie viele es heute sind, weiß ich nicht, aber wenn mehr als 2000 Schulgebäude komplett neu gebaut werden müssen….

Zerstörte Kirche im Stadtteil Roma

Die Betroffenen werden von der Regierung im Stich gelassen

 

Viele Menschen haben ihr Haus verloren. Eines, für das sie ihr Leben lang gespart haben. Die Regierung bietet ihnen nun ein zinsloses Darlehen an, um es wieder aufzubauen. Aber sollen sie sich jetzt erneut verschulden? Es gibt eine sehr gute Internetseite der Stadt, auf der alle Häuser verzeichnet sein sollen, die Schäden aufweisen oder gar nicht mehr bewohnbar sind. Ich habe aber eine Menge Häuser gesehen, die schon von weitem so schief sind und sich gegen das Nachbarhaus lehnen, dass einem die Haare zu Berge stehen. Da wohnen Leute drin- was sollen sie auch anderes tun? Und diese Häuser sind auf der Karte noch nicht einmal verzeichnet.

Erdbebenschäden
Viele äußere Schäden sind sichtbar

Wenn ich mir vorstelle, bei Alarm mit den Kindern aus dem Haus stürzen, aber danach nie mehr in der Lage sein, zurückzukehren, und zumindestens Fotoalben zu holen oder Gegenstände, die mir am Herzen liegen… In einigen Fällen ist das so. Oft sieht man von der Straße aus abgesperrte Häuser, in denen noch Möbel stehen, oder in denen sogar eine Gardine aus dem Fenster weht.

Sie mussten alles zurücklassen. Dafür bekommen sie jetzt 3000 Pesos pro Monat von der Regierung, um ein Zimmer zu mieten. Für dieses Geld bekommt man vielleicht ein kleines Zimmer im Haus von irgendjemandem für eine ganze Familie, aber bestimmt keinen Ersatz für eine Wohnung. Und die Hilfe läuft im Dezember aus. Im nächsten Jahr beginnt der Wahlkampf um die Präsidentschaft, und dann denkt keiner mehr an die Erdbebenopfer. Höchstens noch ein symbolischer Akt hier und da, für die Kameras. Kein Wunder, dass die Menschen sauer werden, und es immer mehr Demonstrationen der Betroffenen gibt, die mehr Hilfe fordern.

Ofrenda vor eingestürztem Gebäude
Anwohner trauern an der Ecke San Luis Potosí/Medellín, wo ein Gebäude eingestürzt ist

0 Kommentare zu “Mexiko Stadt, zwei Monate nach dem Erdbeben

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.