Familie

Müdigkeit

Habe ich schon einmal erwähnt, dass es in Mexiko keine Herbstferien gibt? Von August bis Dezember gibt es lediglich drei Feiertage, die zu verlängerten Wochenenden beitragen, wobei der Tag der Toten in diesem Jahr ausgerechnet auf einen Samstag fällt. Jedenfalls- durch ein sehr arbeitsintensives Projekt, von dem ich sicher bald an dieser Stelle mehr erwähne, und sage und schreibe zwei (!) Dienstreisen habe ich das Gefühl, sehr, sehr! müde zu sein.

Dabei darf ich mich eigentlich am wenigsten beschweren, bei dem arbeitsreichen Volk um mich herum. In einem Land, in dem die Hälfte der Bevölkerung arm ist, sind eben 10-Stunden-Tage keine Seltenheit, um einigermaßen Einkommen hereinzubringen. Der Saftstand neben unserem Haus macht (dem Hörensagen zufolge- ich habe es noch nie um diese Uhrzeit vor die Tür geschafft) um sechs Uhr auf und um 16 Uhr zu, wobei der Besitzer danach noch auf den Großmarkt fährt, um für den folgenden Tag frisches Obst zu kaufen.

Die fleißigen Damen vom Tlacoyo-Stand nebenan fangen um sieben Uhr an, ihren Stand aufzubauen und gehen ebenfalls um 16 Uhr, manchmal auch 17 Uhr. Und sie wohnen sicher nicht nebenan.

Meiner Kollegin wurde vor einem Jahr gekündigt, sie hat nach vielen Monaten Suche eine Wohnung gefunden, die für sie als Alleinerziehende bezahlbar war und ohne Bürgin gemietet werden konnte. Dafür müssen sie und (!) ihre Kinder jetzt jeden Tag stundenlang pendeln. Sie verlassen um 6 Uhr das Haus. Nachmittags kommen die beiden Jungs im Büro an und warten, bis ihre Mutter Feierabend macht. Dann quetschen sie sich in den übervollen Zug „Suburbano“ und sind um 20 Uhr zu Hause. Und dann das Übliche: Kochen, einkaufen, waschen, putzen. Bevor um 5 Uhr wieder Aufstehen angesagt ist.

Trotzdem kann ich mich über unsere vollen Tage nicht glücklich schätzen. Alles was vor 7 Uhr ist, ist einfach hart. Vollzeit arbeiten ist hart. Und dann orientiere ich mich noch an meinen Kolleginnen, die an Wochenenden Fortbildungen geben und trotzdem am Montag wieder auf ihrem Platz sitzen. Fünf Tage Wochenendarbeit ohne Ausgleichstag können einem ganz schön in den Knochen sitzen. Wieso müssen NGOs bei ihren eigenen Mitarbeiterinnen eigentlich das kapitalistische Ausbeutungssystem weiterführen? Mit dazu gebuchtem schlechten Gewissen, schließlich arbeitet man ja für die gute Sache, bzw. läßt diese im Stich, wenn man pünktlich den Stift fallen lässt?

Regelmäßig kommen in unserer Whatsapp-Gruppe (bzw. den WA-Gruppen, denn es gibt drei allein von der Arbeit) Themen, Fragen und Diskussionen am späten Abend auf, auch bis 23 Uhr oder schon morgens um 7. Es herrscht eine strenge Präsenzkultur, Home Office ist nicht gerne gesehen, obwohl wir in einer Organisation arbeiten, die für Frauenrechte arbeitet und beim Thema Überforderung und Vereinbarkeit von Familie und Beruf eigentlich sensibel sein sollte. Nun, das ist sie nicht.

Habe zuletzt irgendwo gelesen, dass Menschen, die länger schlafen, auch eine höhere Lebenserwartung haben. Das macht für mich Sinn. Ich bin sehr schlafbedacht und muss mir meine acht Stunden spätestens am Wochenende holen, sieben braucht es eigentlich schon. Deswegen falle ich selbst wenn ich „schon“ um 18h nach Hause komme, dann noch einkaufe und koche und mich ein wenig mit den Kindern beschäftige gerne früh ins Bett und bin nicht böse, wenn es keine Ausgehtermine gibt. Noch jemand?