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Nichts zu feiern am Muttertag (2)

Mutter, die ihre Tochter sucht, auf Demonstration in Mexiko Stadt

Zweiter Teil der Reihe zum Muttertag, diesmal nur mit zwei Interviews.

Rosa Hilda Cisneros, aus dem nördlichen Bundesstaat Tamaulipas (der die Liste der Bundesstaaten mit den meisten Verschwundenen anführt)

Sie suchen Ihre Tochter, Dulce Yamelli?

Ja, Dulce Yamelli González Cisneros, sie wurde zusammen mit mir am 12. Mai 2012 entführt. Ich konnte entkommen, und ich dachte meine Tochter wäre bei mir. War sie aber nicht. Sie wurde nicht am gleichen Ort festgehalten wie ich. Ich suche sie weiter, und ich werde nicht aufhören. Ich bin Forscherin, in San Fernando Tamaulipas, all meine Zeit verwende ich darauf, meine Tochter zu suchen, auf den Feldern. Ich habe dort Reste gefunden, Leichen. Aber nicht von meiner Tochter. Ich werde kämpfen, bis ich sie finde. Ich habe keine Angst. Oder vielleicht doch, weil ich Morddrohungen erhalten habe. Aber deshalb gebe ich nicht auf.

Es ist fast sechs Jahre her…

Ja, übermorgen ist es sechs Jahre her. Und ich höre nicht auf, sie zu suchen. Ich höre nicht auf, weil die Regierungen es nicht machen, sie helfen nicht, sie helfen unseren Kindern nicht, wir müssen das machen.

Was haben die Behörden in Ihrem Fall gemacht?

In meinem Fall? Nichts. Nur das, was ich gemacht habe. Ich bin eine Forscherin, Sachverständige, ich bin die Staatsanwaltschaft, bin Archäologin, ich bin alles. Um meine Tochter zu finden. Weil sie uns definitiv nicht helfen, die sind bloß Marionetten der Drogenkartelle.

Und was denken Sie vom Gesetz zum gewaltsamen Verschwindenlassen?

Gut, wir haben jetzt ein Gesetz, hoffentlich funktioniert es. Hoffentlich nicht schon wieder eine Strohpuppe, denn wir sind es satt. Wir wollen nur unsere Kinder finden, wir sagen nicht, die und die sind schlecht, wir wollen nur wissen wo sie sind. Und ich bitte die Regierung von Tamaulipas, dass sie uns hundert Prozent unterstützt. Weil es so viele Menschen gibt, so viele Mütter und Väter, die lebendig und zugleich tot sind. Unsere Herzen sind gebrochen, zerstört, für uns gibt es keine Feiern, für uns gibt es nichts.

Demonstration, Mutter von Verschwundenem
Adela Sandoval sucht seit ihrem Sohn seit 2009

Adela Sandoval Soto, aus Tamaulipas

Seit wann suchen Sie nach Ihrem Sohn?

Seit dem 9. Oktober 2011.

Wie ist er verschwunden?

Wir wissen es nicht. Nur sein Auto ist in der Stadt aufgetaucht, gut abgeschlossen und… da haben wir anfangen, ihn zu suchen…

In welcher Stadt?

In Ciudad Victoria, Tamaulipas. Das hat für uns Pilgerfahrten bedeutet. Wir sind hier nach Mexiko Stadt gekommen, um die Anzeigen zu machen. In Ciudad Victoria auch, aber 2011 war es sehr schwierig. Deswegen bin ich hierhin gekommen. Aber ein Ergebnis hat es nirgendwo gegeben.

Gar keins?

Nichts, nichts. Der Aktenordner ist sehr dick. Er hat mehr als tausend Seiten. Aber es gibt kein Ergebnis. Noch nicht mal ein kleines Lichtlein, das uns einen Weg auf dieser Suche zeigt.

Und gibt es bei den Behörden keine Person, bei der Sie Hoffnung haben, die setzt sich wirklich ein?

Nein. Sie machen schon etwas, ja. Aber dass ich sagen würde, ja da gibt es eine Spur die wir verfolgen sollten… die es wert ist…nein. Es scheint, als ob sich die Erde aufgetan hätte, ihn verschluckt hätte, und keiner hat etwas gesehen, keiner was gehört, nichts. Das ist der Stand der Dinge.

Was bedeutet für sie der 10. Mai- Muttertag?

Uh, sehr viel Schmerz. Mein Sohn kam immer und hat unter meinem Fenster die mañanitas gesungen. Was glauben Sie, wie wir diesen Tag verbringen? Es ist sehr schwer. Er hatte keine Gitarre, er hat immer a capella gesungen. Aber er ist jedes Jahr gekommen. (weint) Ich habe noch mehr Kinder, und ich liebe sie sehr, aber er fehlt mir. Und meine Enkel, seine Kinder… Er hat drei Kinder zurückgelassen. Die Psychologin kann uns so viele Therapiestunden geben wie sie will… es ist ja richtig, ich will mich nicht beschweren, aber das ist… das hat alles übertroffen. Und wenn die Kinder mich nach ihm fragen… um ihn weinen. Ihnen fehlt ihr Papa. Und das bringt mich hierher. Meine Töchter sagen mir „Ist gut, Mami, lass es sein…“ aber ich kann nicht stillsitzen, ich kann es nicht. Man muss… obwohl es keine Antwort gibt, aber man macht sich die Illusion dass es etwas bringt, zu suchen. Dass man irgendwann ein Anzeichen findet, was habe ich nicht alles gemacht. Aber nichts. Aber wir geben nicht auf, wir suchen weiter. Es ist die Liebe, die wir für sie empfinden, die uns bewegt.

Was halten Sie vom Gesetz zum gewaltsamen Verschwindenlassen?

Morgen haben wir ein Gespräch mit dem neuen Sonderstaatsanwalt. Wir hatten noch nicht so viel Kontakt zu ihm, weil wir so weit weg wohnen. Und er ist ja auch erst seit dem 15. März im Amt, da kann man noch nicht sagen, wie er sich macht. Wir hoffen, dass er etwas in Gang bringt. Dass er nicht bei einem Regierungswechsel ausgetauscht wird, und alles bleibt beim Alten. Oder dass wir wieder bei Null anfangen müssen, irgendwann muss es ja auch mal Konsequenzen geben.

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