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Nichts zu feiern am Muttertag

Reihe von Demonstrantinnen

Manchmal denke ich, ich bin besonders sentimental geworden, seit ich Kinder habe. Wenn es irgendwo- meistens im Film, manchmal aber auch in echt- Wiedervereinigungsszenen, Trennungsszenen, Liebesgeständnisse zwischen Müttern und Kindern gibt, geht mir das Herz auf. Und dann rollt auch mehr als eine Träne.

Aber bei diesen Müttern: wie sollte man da anders? 35.000 Verschwundene zählt Mexiko allein in den letzten zehn Jahren, besonders betroffen sind die nördlichen Bundesstaaten, die quasi komplett unterwandert sind von Drogenkartellen. Am mexikanischen Muttertag sind die Angehörigen marschiert, um auf ihre Forderungen aufmerksam zu machen: Sucht sie endlich! Findet sie endlich! Und verurteilt die Täter*innen! Nichts davon geschieht nämlich derzeit. An den Verschwundenen wird die mexikanische Fassadendemokratie besonders deutlich. Es gibt schöne Gesetze, und am besten für jedes Verbrechen eine Sonderstaatsanwaltschaft, die man im internationalen Kontext als Aushängeschild benutzen kann.

Viele Fotos auf dem Transparent
Die vielen Plakate wurden am Kundgebungsort Angel de la Independencia auf den Boden gelegt.

Nur, dass nichts funktioniert. Es werden 1000 Seiten dicke Ordner angelegt, aber wirklich gesucht, wirklich aufgeklärt wird nicht. Es sind die Angehörigen selbst, meist die Mütter, die zu Ermittlerinnen werden. Sie gehen den Spuren nach, sie suchen auf den Feldern die anonymen Gräber. Und sie sind die unerschrockensten Menschenrechtsverteidigerinnen. Sie haben keine Angst. Ihr eigenes Leben ist nicht mehr wichtig „ich bin tot, obwohl ich lebe“, das haben gleich mehrere auf der Demo gesagt.

Schade, dass so wenige da waren. Ausser den rund 1000 Angehörigen (auch einigen aus Ayotzinapa und den Komiliton*innen der drei Studenten aus Jalisco, die angeblich in Säure aufgelöst wurden-oder auch nicht. Ich kann übrigens sehr empfehlen den Film „Ayotzinapa-El paso de la tortuga“, koproduziert von Guillermo del Toro. Da wird das Ausmaß der Tragödie deutlich) waren nur wenige da, die auf der Demo Solidarität zeigten. Ist das Verschwinden lassen schon so sehr Normalität geworden? Und wie gewalttätig kann dieses Land noch werden?

Im Folgenden das Transkript von drei Interviews, die ich mit Müttern geführt habe. Dabei ist es mir zum ersten Mal passiert, dass ich während eines Interviews geweint habe. Ich habe dann angestrengt versucht, auf mein Mikrofon zu starren, damit der Tränenfluss nicht noch größer wird… wenn eine Mutter dir gegenüber um ihr Kind weint, kannst du nicht anders.

Mutter von Verschwundenem
Yaneth aus Guerrero sucht seit zwei Jahren nach ihrem Sohn. Er verschwand auf einer Reise

Yaneth González Salazar, Mutter von José Luis, aus Iguala, Guerrero.

Seit wann suchen Sie ihn?

Seit 2016. Am 7. August ist er verschwunden.

Was hat er da gemacht?

Er war in Puente de Ixtla, Morelos in einem Hotel. Es heißt Ideal, im Zentrum. Er ging aus, um etwas zu essen. Und ist verschwunden.

Was haben die Behörden bis jetzt getan?

Nichts, Señorita, gar nichts. Zwei Jahre lang hat die Staatsanwaltschaft meine Anzeige nicht angenommen. Sie wussten, dass die organisierte Kriminalität meinen Sohn entführt hat. Aber sie haben sie nicht angenommen. Ich musste erst einen 14-tägigen Streik beim Innenministerium machen. Jetzt haben sie sie zum Glück angenommen. Aber ich musste sehr hart dafür kämpfen. In ein (Angehörigen-)Kollektiv eintreten, in das andere. Denn als Einzelne hören die einem nicht zu, und das ist ungerecht. Das geht nicht señorita, wir Mütter haben ja auch… (beginnt zu weinen) Gefühle. Wir sind Menschen. Und das darf nicht sein, denn mein Sohn hat drei Töchter, wunderbare Töchter. Und sie fragen mich immer nach ihrem Papa, und ich weiß nicht mehr, was ich ihnen noch sagen soll. Ich sage ihnen, er kommt zurück. Mein Sohn hat ihnen immer Kuchen mit in die Schule gebracht. Hat ihnen große Geburtstagsfeiern ausgerichtet. Es ist sehr traurig, nichts über meinen Sohn zu wissen. Dass sie dir nichts sagen. Du kannst Anzeige erstatten, wo du willst, aber keiner macht was. Ich bete zu Gott, dass ich ihn finde, deswegen bin ich auch hier. Den ganzen Weg von Iguala, Guerrero.

Glauben Sie, dass das (im Herbst 2017 in Kraft getretene) Gesetz für Verschwundene etwas ändern wird?

Ach, señorita, ich glaube nicht mehr an Gesetze. Wenn Gott uns hört dann ja. Aber eigentlich glaube ich nicht mehr daran, ich suche jetzt schon seit zwei Jahren (…) Hoffentlich suchen sie jetzt endlich nach meinem Sohn, denn das darf nicht sein. Wir können den 10. Mai nicht feiern, für uns gibt es nichts zu feiern, denn es ist sehr schmerzhaft, so viele Erinnerungen. Das ist alles, señorita.

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