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Paco Ignacio Taibo II: 1968-Gerufene Helden

Buchcover

Dies ist ein weiteres Buch, welches mir von zuvor genannter kundiger Journalistin empfohlen wurde, und zwar um die mexikanische 1968er Generation besser zu verstehen. Auch hier gab es in diesem Jahr einen Sommer der Revolution gegen das Diktat der Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI), der jedoch durch das Massaker von Tlatelolco ein tragisches Ende fand. Paco Ignacio Taibo II ist vielen vielleicht als Kriminalschriftsteller bekannt. Ich habe seine dicke Che Guevara-Biografie im Schrank, die ich sehr lesenswert fand.

Das Buch ist weniger eine Geschichte mit einem erzählerischen Bogen als ein Versuch der Rekonstruktion: Der eines Sommers, in dem viele Student*innen und Schüler*innen unter einem Ein-Parteien-Regime einen Hauch der Freiheit erahnen konnten. In dem sie den Traum von einer Utopie verfolgten, während der Machtapparat sie selbst gnadenlos jagte.

Es war ein bisschen schwer, sich einzulesen, auch wegen der etwas hölzernen deutschen Übersetzung. Die Erzählung ist an einen jüngeren Freund gerichtet, dem Taibo nahebringen will, wie sich dieser Sommer angefühlt hat.

„Ich erinnere mich an Eligio Calderón und Adriana Corona, die ewig mit ein paar geölten und exakten Abzugsmaschinen im Druckraum eingeschlossen waren, wo sie Tausende von Flugblättern in der Stunde produzierten und dabei den Taylorismus und die Fließbandarbeit von Schweizer Uhrenfabriken wiederentdeckten. (…) Ich erinner mich an Venadero, der vor Müdigkeit schielend Gloria Astiz den ersten Band des Kapital erklärte. Ich erinner mich an Héctor Gama, wie er aufs Dach der Schule kletterte, Sonne tankte und Rancheros sang, während er eine Botschaft malte, die nur für die Hubschrauber lesbar war. Ich erinnere mich an meine besten Kundgebungen, gegenüber der Bank von Mexiko, oben auf einer Laterne.“

Vielleicht habe ich mir zu viel erhofft, aber ich war doch davon ausgegangen, dass Taibo ausführlich über das Massaker von Tlatelolco, Ursprung und Folgen eingehen würde. Doch er betrachtet die Ereignisse aus der Ferne, beschreibt vielmehr, wie die Stimmung unter den jungen Revolutionär*innen sich änderte. Der Traum von Veränderung war vorbei, die Antreiber*innen der Bewegung tot, im inneren oder im äußeren Exil.

Tlatelolco nennt sich ein Platz in Mexiko Stadt. Zehn Tage vor Beginn der Olympischen Spiele 1968 eröffneten Spezialkräfte des Präsidenten das Feuer auf dort versammelte Demonstrant*innen. Bis heute ist unklar, wie viele Menschen starben, es wird vermutet, dass es mehrere Hundert waren. Doch die Leichen tauchten nie auf.

Fazit: Vielleicht war das Buch ganz gut, um ein „Gefühl für das Gefühl“ von 1968 zu bekommen. Um mich mit Tlatelolco zu beschäftigen, sollte ich aber vielleicht lieber noch einmal Elena Poniatowska: La noche de Tlatelolco lesen, ein Buch, das zeitlich auch in einem viel kürzeren Abstand zu den Geschehnissen verfasst wurde.

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