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„Unsere Gemeinden leeren sich, und am meisten daran interessiert ist der Staat“

Menschrenrechtsverteidigerin Aurelia Arzú

Hier kommt ein weiteres meiner Interviews mit Menschenrechtsverteidigerinnen in Honduras, die mich sehr beeindruckt haben. Ich merke, wie ich nicht nur waehrend der Treffen tief beeindruckt bin, sondern auch noch durch die Reflektion Monate danach weiter lerne und mein Denken sich aendert. Es haette mir sehr gefallen, auf der zweiten Rute dabei zu sein, die die Garifunas an der honduranischen Kueste besucht hat, aber wir wurden ja fuer die Berge eingeteilt. Immerhin hatte ich bei der Abschluss-Pressekonferenz die Moeglichkeit, mit Aurelia Arzú von Ofraneh zu sprechen (jedenfalls bis wir unterbrochen wurden, deswegen ist das Interview ein wenig kuerzer.)

Honduras ist zur Zeit bekannt durch den stetigen Fluss von Migrantinnen und Migranten, die das Land verlassen. Angesichts von Armut und Arbeitslosigkeit sehen sie in ihrer Heimat keine Perspektive mehr. Der Grossteil der Menschen, die sich in den vergangenen Monaten den Migrantenkarawanen in die USA anschlossen, kam aus dem Norden des Landes. Dort lebt auch die schwarze Minderheit der Garífuna, die in Honduras historisch diskriminiert wurde und unter dem Bevoelkerungsschwund besonders leidet.

Aurelia Arzú aus Santa Rosa de Aguán ist die Vize-Direktorin der “Bruederlichen Organisation Schwarzer in Honduras” (Organización Fraternal Negra Hondureña, OFRANEH) und wehrt sich zusammen mit anderen Mitgliedern gegen Megaprojekte wie Bergbau, Staudaemme und Tourismusprojekte. Ihrer Meinung nach profitiert der Staat davon, dass so viele Garifuna auswandern.

SG: Was ist das Besondere an Ihrer Heimat?

Aurelia Arzú (AA): Im Allgemeinen siedeln die Garífuna an der Nordküste von Honduras, an der Karibik. Meine Gemeinde heißt Santa Rosa de Aguán und ist für mich eine einzigartige Gemeinschaft, denn es ist die einzige Gemeinde der 47 Garífuna-Doerfer, die aus Sand besteht. Wir haben viele schöne Sanddünen, aber auch andere Gemeinden haben ihre Eigenheiten. Die Garífuna-Frauen, und allgemein die Frauen in Honduras leiden unter Gewalt, Femiziden. Die Rechte von Frauen werden nicht respektiert wie in anderen Teilen der Welt. Das Patriarchat und auch die Gesellschaft spielen da eine Rolle, schliesslich wurde lange gesagt, die Frau kann das nicht, das ist Maennerarbeit. Aber das stimmt nicht, wir sind fähig und wir haben es schon oft gezeigt. Die Garífuna-Frau ist eine Kämpferin, das hat sie von ihren Vorfahren geerbt, wir waren schon immer im Widerstand und wir setzen ihn fort. Wir werden ermordet, in Honduras gibt es 2018 eine Statistik von 280 ermordeten Frauen, wenn ich mich nicht irre.[1] Wir wollen aber keine Statistik bleiben. Wir werden lebend gebraucht! Es gibt keinen Bereich, in dem Frauen in diesem Land nicht diskriminiert werden, auch als Menschenrechtsverteidigerinnen werden wir schlecht angesehen. Das kann uns zwar den Tod bringen, aber trotzdem verteidigen wir Frauen unsere Umwelt!

Zum Beispiel machen wir Garífunas uns zur Zeit sehr viel Sorgen über die Migration. Frueher war es der Mann, der auswanderte, waehrend die Frau zu Hause blieb und sich um das Gemeinwohl kümmerte. Heute ist das nicht mehr so, und das beunruhigt uns als Organisation. Die Garífuna-Frau, die auswandert, nimmt ihre Kinder mit, und kommt nicht mehr zurueck. Wenn wenn wir von der Jugend als der Zukunft dieses Landes sprechen, welche Zukunft soll das sein?

Ich glaube, dass es einen Plan gibt, unsere die Gemeinden zu leeren. Wenn sie einmal leer sind, koennen sie das Land nutzen. Sie haben also ihre Taktik geaendert, weil wir uns gegen Bergbau, gegen Staudaemme und Modellstädte wehren.

SG: Und die Maenner, die gehen, verschwinden die auch?

AA: Nein. Die Männer kehren zurück. Auswandern ist kein Verbrechen, es ist ein Menschenrecht. Aber normalerweise, zumindest aus Gewohnheit, ist der Mann derjenige, der nach einem Lebensunterhalt sucht, und die Mutter bleibt zu Hause bei den Kindern. Aber das Überraschende ist, dass sich die Rollen geändert haben, und die Frau ist nun diejenige, die auswandert und die Kinder mitnimmt. Und wenn die Frau einmal illegal in einem anderen Land ist, bedeutet das, dass sie nicht zurückkommt.

Dann kommt Arzú auf die Drohung der honduranischen Regierung zu sprechen, Eltern fuer zwei bis drei Jahre ins Gefaengnis zu stecken, wenn sie Minderjährige ohne gueltige Papiere mit sich fuehren. Damit sollten Familien am Exodus in den Migrantenkarawanen gehindert werden.

Wenn die Regierung sich so um die Kinder sorgt, warum gibt es dann so viele Kinder auf der Straße? Sie wandern herum, haben kein Zuhause, keinen Platz zum Leben, weil die Muetter ermordet wurden oder aus anderen Gruenden. Was interessieren die Regieurng die Kinder, die auswandern? Eigentlich sollte es so laufen: Du gehst zu den Müttern und sprichst mit ihnen, damit sie nicht weggehen, schliesslich ist das auch gefaehrlich. Aber vorher sollte die Regierung sich einmal um all die Kinder in diesem Land kuemmern, die keine Eltern und kein Zuhause haben. Erst dann koennen sie zu den Müttern gehen und ihnen sagen, sie sollen nicht auswandern. 

SG: Wie funktioniert OFRANEH und welche Probleme haben Sie?

AA: OFRANEH ist die Organisation, die die Rechte der Garífuna und der Ureinwohner verteidigt. Ofra arbeitet mit Frauen, mit Jugendlichen, mit der LGBTI, und es gibt eine Arbeitsgruppe zum Thema Land. OFRANEH kaempft gegen viele Dinge. Gegen das Patriarchat, gegen den Staat, dem es nicht passt, dass OFRANEH existiert, weil wir uns fuer die Rechte der Garífuna einsetzen. Bei Landkonflikten haben wir beispielsweise zwei Fälle, die wir vor dem Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte (CoIDH) in Costa Rica gebracht haben, und der Gerichtshof hat fuer die Garífuna entschieden. Nur, der Staat will dem Urteil keine Folge leisten, es ist nicht so, dass er nicht kann; er will nicht! Das Gericht hat geurteilt, dass es fuer die Gemeinden von Punta Piedra und Triunfo de la Cruz Wiedergutmachungen und Entschaedigungen geben muss. Die Frist, um die entsprechenden Studien und Plaene vorzulegen, lag bei höchstens zwei Jahren. Aber die Regieurung von Honduras hat nicht den politischen Willen, dem Urteil zu entsprechen.

SG: Was würde Ihnen im Moment am meisten helfen?

AA: Dass die Migration aufhoert. Weil wir sehen, dass sich die Gemeinden leeren, und das bereitet uns grosse Sorgen. Dass dem Urteil des Interamerikanischen Gerichtshofs Folge geleistet wird, davon haengen viele Dinge ab, unter anderm koennten wir neue Klagen einreichen. Ausserdem reicht uns das Urteil nicht, die Einwohner*innen von Punta Piedra und Triunfo de la Cruz brauchen ihr Land. Wir Garifunas brauchen kein Geld, unser Reichtum steckt in der Mutter Natur.

SG: Wenn Menschen migrieren, gibt es in Familien und Gemeinschaften. Und da es so wenige Garífuna gibt, ginge eine einzigartige Kultur verloren …

AA: Ja, das ist unsere große Sorge. Weil die Kinder gehen, kämpfen wir darum, unsere Kultur zu bewahren, und wir tun alles, damit diese Kinder unser Kultur nicht verlieren. Deswegen meine ich ja, die Doerfer leeren sich, und derjenige, der am meisten daran interessiert ist, ist der Staat. Dann wird naemlich unser Kampf schwieriger. Wenn eine Mutter mit ihren Kindern geht, entsteht ein Riss in ihrem Zuhause und in unserer Gemeinschaft im Allgemeinen, denn jede Mutter, jedes Kind stehen fuer ein Volk.


[1]     Fuer das Jahr 2018 sind noch keine endgueltigen Zahlen bekannt, von Januar bis Juni zaehlte das renommierte Observatorio de Violencia der Autonomen Universitaet Honduras 152 Morde an Frauen. file:///C:/Users/REPORT~1/AppData/Local/Temp/BoletinNacionalEneJun2018Ed50.pdf

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